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„Wir haben in Österreich ganz generell ein Alkoholproblem“

In Zeiten von Arm und Reich, Sportlergehältern in Millionenhöhe, Instagram-Abonnentenzahlen und Markenwahn wird immer öfter geneidet. Wir haben uns deshalb mit Univ.-Prof. Dr.phil. Dipl.-Psych. Katja Corcoran, Arbeitsbereichsleiterin des Instituts für Sozialpsychologie an der Karl-Franzens Universität Graz, getroffen und mit ihr über Neid gesprochen.

Drogen- und Alkoholmissbrauch sind unter Jugendlichen ein wichtiges Thema. Wir haben uns deshalb mit Mag. Dr. Martin Riesenhuber von der Steirischen Drogenberatung zusammengesetzt und ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt. In Teil eins widmen wir uns vorrangig dem Konsum, in der nächsten Ausgabe der Sucht an sich.

 

Cool: Ich frage zu Beginn mal ganz direkt: Hat die österreichische Jugend ein Drogenproblem?

Mag. Dr. Martin Riesenhuber: Das ist gleich eine sehr große Frage. Wenn über Drogen gesprochen wird, werden schnell Jugendliche damit assoziiert, dabei muss man ganz offen und ehrlich sagen: Ja, im Jugendalter wird gerne experimentiert und es gibt auch Gelegenheitskonsum, aber Drogenabhängigkeit und Drogensucht sind eigentlich ein Thema der Erwachsenen. Es gibt da auch viele Studien und wenn man beispielsweise den Cannabiskonsum der 15- bis 16-Jährigen hernimmt, sieht man, dass sich in den letzten 20 Jahren da kaum etwas geändert hat – das ist ziemlich stabil.

Cool: Also ist es bloß ein Vorurteil, dass heutzutage alles schlimmer ist?

Mag. Dr. Riesenhuber: Ich vermute, warum so viel glauben, dass es so schlimm ist, ist, weil es in der heutigen Zeit mehr Ausreißer gibt. Sprich es gibt einige Jugendliche, die extrem konsumieren und damit so negativ auffallen, dass sie der Gesellschaft mehr oder weniger einen falschen Eindruck vermitteln. Das konnte man auch beim Alkohol beobachten. Extremkonsum und das medial berühmt berüchtigte Komasaufen dürfen zwar nicht verharmlost werden, betreffen in Wahrheit allerdings nur einen sehr geringen Teil der österreichischen Jugend.

Cool: Gibt es zu früher gar keine Unterschiede?

Mag. Dr. Riesenhuber: Was heute definitiv anders ist, ist die Verfügbarkeit. Man muss sich mittlerweile überhaupt nicht mehr anstrengen, um an Drogen zu kommen. Früher musste man noch wissen, wie man zu etwas kommt und heute geht man fort und sie sind einfach da.

Cool: Ich habe aber schon den Eindruck, dass bei der Jugend die Hemmschwelle gesunken ist, um Drogen zu probieren…

Mag. Dr. Riesenhuber: Gelegenheit macht Diebe und die bereits angesprochene Verfügbarkeit hat in den Köpfen der Jugendlichen durchaus etwas verändert. Vor 30 Jahren waren Drogen noch verruchter, weil man damit im Alltag kaum konfrontiert wurde. Wenn man Cannabis hernimmt, das mittlerweile in Musikvideos oder auf T-Shirts offen zur Schau gestellt wird, dann verliert man davor als Kind den Respekt. Das hat dazu geführt, dass Marihuana in den Köpfen der heutigen Jugendlichen eine Alltagsdroge geworden ist, genau wie Zigaretten und Alkohol. Unter den 15- bis 25-Jährigen hat jeder Zweite Konsumerfahrung mit Cannabis, allerdings entwickeln davon nur zehn Prozent problematisches Konsumverhalten.

Cool: Zum letzten Satz habe ich gleich zwei Fragen. Was ist problematisches Konsumverhalten?

Mag. Dr. Riesenhuber: Grundsätzlich kann man Folgendes festhalten: Wenn es gar nicht mehr in der eigenen Entscheidung liegt, ob man in der Früh einen Kaffee trinkt oder am Abend das Feierabendbier, sondern automatisch nach dem Heimkommen zum Kühlschrank greift, dann ist das bedenklich. Wenn man solche Muster an sich selbst feststellt, wäre es schon mal wichtig, zu versuchen, diese zu durchbrechen und sich selbst zu testen. Wie geht es mir, wenn ich jetzt mal einen Tag lang nichtrauche oder das Feierabendbier weglasse? Jeder tägliche Konsum ist eigentlich ein riskantes oder problematisches Konsumverhalten.

Cool: Frage Nummer zwei. Ist Gras also wirklich die vielbesagte Einstiegsdroge?

Mag. Dr. Riesenhuber: Wie schon zuvor gesagt, bei den 15- bis 25-Jährigen hat in etwa die Hälfte Erfahrung mit Cannabis. Wenn das Argument mit der Einstiegsdroge schlüssig wäre und man nach dem Cannabiskonsum automatisch zu härteren Drogen greifen würde, dann hätten wir ein ganz anderes Drogenproblem in Österreich. Nur weil viele drogenkranke Menschen anfänglich auch Marihuana konsumiert haben, kann man daraus keine Schlüsse ziehen, denn diese Menschen haben davor bestimmt auch Zigaretten geraucht oder Alkohol getrunken. Der bekannte deutsche Soziologe Klaus Hurrelmann hat einmal gesagt, dass dann auch Medikamente die Einstiegsdroge sein könnten, weil das die ersten drogenähnlichen Substanzen sind, mit denen Kinder und Jugendliche in Kontakt kommen. Ich glaube deshalb nicht an die Einstiegsdroge Cannabis.

Wenn Alkohol erst heute erfunden werden würde, dann wäre er eine illegale Substanz.

Cool: Wir haben nun schon so viel über Drogen gesprochen, ohne abzuklären, was eigentlich Drogen sind…

Mag. Dr. Riesenhuber: Das liegt vermutlich daran, da ich in meiner Arbeit nie bewerte, was die Menschen, die zu mir kommen, konsumieren. Welche Droge jetzt schlimmer oder gefährlicher ist. Ich bemühe mich, herauszufinden was die Person mit der Substanz verbindet. Wann konsumierst du? Was fühlst du dabei? Was ist deine Geschichte? Wenn wir von Drogen sprechen und die Worte legal und illegal mal außeracht lassen, dann ist jede Substanz eine Droge, die eine psychoaktive Wirkung hat. Auch Koffein und Zucker haben eine psychoaktive Wirkung. Ob Nikotin, Alkohol oder Heroin spielt bei uns in der Suchtberatung aber eben nur bedingt eine Rolle. Was mir wichtiger ist: Nimmt die Substanz eine Funktion in deinem Leben ein? Willst du mit dem Konsum etwas vermeiden, verdrängen oder verbessern? Das ist was uns interessiert.

Cool: Heroin ist also nicht schlimmer als Alkohol?

Mag. Dr. Riesenhuber: Heroin ist natürlich eine sehr gefährliche Substanz, die schon nach paarmaligem Konsum eine ganz andere Dynamik mit sich bringen kann. Rund um die Jahrtausendwende gab es sehr viel Heroin in Österreich und damit verbunden auch viele dramatische Schicksale. Das sind aber Ausnahmen, trinkende Jugendliche eher die Regel. Wir haben in Österreich ganz generell ein Alkoholproblem. Nur weil der Alkohol gesellschaftlich akzeptierter ist, heißt das nicht, das er nicht weniger schlimm ist. Man muss ganz klar sagen: Wenn Alkohol erst heute erfunden werden würde, dann wäre er eine illegale Substanz. In seinen Auswirkungen ist Alkohol eine sehr gefährliche Droge, weil sie auch körperlich abhängig macht. Unsere Kultur und vor allem auch die Wirtschaft, die mit der Droge Alkohol Millionen verdient, wollen das zwar nicht wahr haben, aber wenn man über Substanzen spricht, die lebensbedrohliche Auswirkungen nach sich ziehen können und von der Masse konsumiert werden, dann steht der Alkohol ganz oben. Wenn man sich das neue Jugendgesetz anschaut, wäre es durchaus gescheit gewesen, auch den Alkoholkonsum unter 18 Jahren zu verbieten, aber Österreich ist eben ein Alkohol-Land.

Cool: Also ist Alkohol das größte Problem?

Mag. Dr. Riesenhuber: Für mich ist das größte Problem der gesellschaftliche Umgang. Wenn man so eine Raucher- und Alkohol-Geschichte hat wie in Österreich, dann frage ich mich, was bei unseren Kindern ankommt. „Es ist eh nicht so schlimm. Kaffee und Zigarette gehören zum Frühstück dazu und ein paar Bier am Abend sind auch okay.“ Solange Väter ihren Söhnen auf die Schulter klopfen, wenn sie mit dem ersten Vollrausch nachhause kommen, ist der Kampf gegen Suchtmittel so gut wie aussichtslos.

Cool: Was müsste deshalb, ihrer Meinung nach, getan werden?

Mag. Dr. Riesenhuber: Es braucht in Zukunft einfach andere Erwachsene, die sich mit Jugendlichen zu solchen Themen auseinandersetzen. Für mich wär da ein erster Schritt die offene Jugendarbeit. Damit man eben nicht erst bei mir in der Drogenberatung darüberspricht, wenn schon etwas passiert ist. Es braucht Gespräche und einen offenen Austausch. Abschreckung wie die Bilder auf den Zigarettenpackerln haben bei Jugendlichen keinerlei Wirkung.

© Oliver Wolf

Das ist „Tabulos“
Als ich vor gut einem Jahr die Idee zu „Tabulos“ hatte, habe ich zunächst vor allem typische Themen wie Jugenddepressionen, Homosexualität und natürlich auch Drogen im Kopf gehabt. Obwohl das Interview mit Martin Riesenhuber schon vor Monaten geplant war, sind mir immer wieder andere Themen dazwischen gekommen. Im Februar war es nun aber soweit und wir haben so viel gequatscht, dass es erstmalig sogar ein zweiteiliges „Tabulos“ gibt. Spannenderweise hatte ich selbst gar nicht so an Alkohol gedacht, sondern eher mit einem Interview über Meth, Cannabis und Ecstasy gerechnet. Das Gespräch war deshalb sehr überraschend, aber auch informativ. (Daniel Gräbner)