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Amy Wald: „Wir küssen unter Regenbogenfahnen“

Wir begleiten Vida Noa schon seit vielen Jahren, nun bringt die steirische Sängerin endlich ihr erstes Album auf den Markt.

Amy Wald war im Sommer auf großer Straßenmusik- und CSD-Tournee und hat mit „F.A.L.S.“ auch eine neue Single veröffentlicht. Wir haben bei der jungen Salzburgerin nachgefragt.

Cool: Wir sind im Vorjahr zunächst durch deine Fanaktion für Jennifer Rostock auf dich aufmerksam geworden und haben erst dadurch herausgefunden, dass du auch selbst Musikerin bist. Wie oft erzählt man dir das? Welchen Anteil haben Jennifer Rostock generell daran, dass du selber Musik machst?

Amy Wald: Nach der Fanaktion 2018 wurde mir das natürlich sehr oft erzählt, weil die Fanaktion auch ein viel größeres Ausmaß angenommen hat, als wir uns jemals vorstellen konnten. Sängerin Jennifer Weist erzählte zu dem Zeitpunkt außerdem meine Geschichte, dass ich meinen Job kündigte, um als Straßenmusikerin durch Deutschland, Österreich und die Schweiz zu reisen. Der Support hat vieles ins Laufen gebracht und dafür bin ich immer noch dankbar.

Die Band Jennifer Rostock hat meine Jugend stark geprägt. Ich war Jahr für Jahr auf zig Konzerten, hab alle Liveshows studiert und die Entwicklung bei jeder Tour miterleben dürfen. Jennifer hat mir durch ihre Bühnenpräsenz und ihre empowering Statements Mut gemacht, mir als Frau, in dem von Männern dominierten Musikbusiness, ein Gehör zu verschaffen. Ich habe immer schon meine eigenes Ding durchgezogen und Jennifer Rostock bzw. Jennifer Weist haben mich darin bestärkt. Auch wenn wir uns musikalisch in anderen Genres bewegen, hatte und habe ich mit Jennifer die beste Inspiration für Liveperformance, Bühnenpräsenz und Frauenpower.

Cool: Du hast im Vorjahr mit „Liebesleben“ schon einen sehr coolen Song veröffentlicht, mit „F.A.L.S.“ ist dir nun aber ein richtiger Ohrwurm gelungen. Was kannst du uns über den Song erzählen?

Amy: „F.A.L.S.“ ist meine persönliche Antwort auf „Liebesleben“ und wenn man sich die beiden erzählten Geschichten anhört, dann erkennt man sofort, wie sich mein Liebesleben in einem Jahr geändert hat. „Liebesleben“ beschreibt meine sexuelle Verwirrung, mit der ich jahrelang zu kämpfen hatte und die auch immer ein Teil von mir sein wird. Auch wenn ich in „Liebesleben“ schon das Statement abgebe, dass es absolut okay und „normal“ ist verwirrt zu sein, setze ich mit „F.A.L.S.“ das Ausrufezeichen hinter diese Aussage. Vor einem Jahr war ich nicht bereit für eine Beziehung und konnte mir keine Bindung vorstellen. Jetzt, ein Jahr später, bin ich in einer wunderbaren Beziehung mit einer Frau und könnte es mir nicht mehr anders vorstellen. In „F.A.L.S.“ nehme ich mich selbst auf den Arm und spiele mit meiner Aussage von vor einem Jahr, als ich fest davon überzeugt war, keine Beziehung einzugehen. „Bevor wir schrieben war Beziehung nur ein Fremdwort“ – genauso war das auch. Ich versuche mit dem Song auszusagen, dass nichts in den Stein gemeißelt ist. Dinge verändern sich, Einstellungen verändern sich, man selber verändert sich. Es kommt, wie es kommen wird und das sollte man zulassen, denn durch diese Offenheit entstehen wunderbare Dinge.

Cool: Warum gibst du einen Fick auf Love Songs?

Amy: Weil ich keinen Love Song schreiben wollte, haha! In den Monaten des Writing-Prozesses hatte ich sehr mit meiner musikalischen Entwicklung zu kämpfen und konnte mir kaum meine Miete leisten. Ich bin Woche für Woche zwischen Salzburg und Wien gependelt bin, weil ich in Salzburg wohnte und anfing in Wien mit einem neuen Produzententeam zu arbeiten. Ich schlief monatelang bei Freunden auf der Couch, schrieb nebenbei noch die letzten Studienarbeiten um mein Studium zur Musikmanagerin abzuschließen und versuchte durch Konzerte irgendwie Geld für die Zugtickets, Essen und Miete zu verdienen. Rückblickend weiß ich, dass ich meinem Körper und meiner Psyche damit nichts Gutes tat. Ich konnte gar nicht an einen Love Song denken. Ich versuchte krampfhaft über diese Stressbelastung zu schreiben, aber nichts klappte. Ich denke es war einfach zu gezwungen. Als sich die Beziehung mit Valentina dann entwickelte und ich darüber schrieb, hat sich das zum ersten Mal wieder ehrlich angefühlt. Weil ich aber trotzdem keinen Love Song schreiben wollte, hab ich genau diese Message in den Song gepackt.

Cool: Du hast dich mit „Liebesleben“ ja auch offiziell geoutet und hast im Sommer u.a. bei vielen CSD-Events in Deutschland gespielt. Wie wichtig ist es dir, mit deiner Musik auch die Regenbogenflagge hochzuhalten?

Amy: Sehr wichtig! Ich kann mich noch zu gut an die Zeiten erinnern, in denen ich sehr stark mit meiner Sexualität zu kämpfen hatte. Dabei habe ich im Internet alle Menschen des öffentlichen Lebens, die ein Teil der LGBTQIA+ Community sind, aufmerksam verfolgt. Von YouTubern, über Charaktere aus Filmen und Serien, bis hin zu Musikern, jede geoutete Person der Community hat mir Halt gegeben und ich habe mich weniger „fremd“ gefühlt. Wenn ich durch meine Musik und mein Auftreten in der Öffentlichkeit Menschen helfen kann, dann will ich einen Safe Space anbieten können. Ich bin ein Teil der LGBTQIA+ Community und das würde ich auch niemals verstecken. Warum sollte ich dann nicht auch darüber singen und vor allem meine Stimme nützen?

Cool: Du bist viel als Straßenmusikerin unterwegs. Was macht für dich den großen Reiz aus, auf der Straße und nicht auf einer Bühne zu spielen?

Amy: Straßenmusik ist für mich eine der größten Herausforderungen als Musikerin. Auf der Straße bist du niemand. Kaum jemand kennt dich, weiß wer du bist, oder ist da um dir zuzuhören und trotzdem spielst du für genau diese Leute. Die Kunst ist es, jemanden von deiner Kunst zu überzeugen, obwohl die Person nicht darauf eingestellt ist, dir zuzuhören. Bei kaum einem anderen Konzert wird man auf so viel Gleichgültigkeit und Ignoranz stoßen wie auf der Straße. Wenn ich es aber schaffe, dass auch nur eine fremde Person stehen bleibt und mir zuhört, hat das so viel mehr Wert als alle anderen Menschen, die ohne einen Mucks an mir vorbeigezogen sind. Und die Reaktionen die man bekommt, sind unglaublich schön und vor allem ehrlich. Das beste konstruktive Feedback bekomme ich, wenn ich auf der Straße spiele. Straßenmusik lehrt mir neue Wege um die Aufmerksamkeit von Menschen zu wecken, deren Interesse aufrecht zu erhalten und andererseits mit Ignoranz umzugehen. Durch die Straßenmusik stehe ich viel selbstbewusster auf größeren Bühnen.

Cool: In den letzten beiden Musikvideos wurde viel geknutscht, im aktuellen sogar mit deiner echten Freundin. Wie fühlt es sich für dich an, bei so intimen Momenten gefilmt zu werden?

Amy: Bis jetzt war mir keine einzige Szene unangenehm. Im Gegenteil – ich finde sie sehr spannend zu drehen. Schon als ich das Videokonzept für „F.A.L.S.“ zusammen mit meiner Freundin Valentina ausgearbeitet habe, war klar, dass der Dreh einfacher wird als alle bisherigen Drehs, denn nichts davon ist gespielt. Der Song ist ehrlich, also war mir auch wichtig, dass das Video genau das widerspiegelt. Valentina und ich haben uns während des Drehs die Nähe und Aufmerksamkeit geschenkt, die wir uns auch abseits von Kameras geben. Beim Videodreh zu „Liebesleben“ war die Ausgangssituation eine ganz andere. Dabei habe ich gemeinsam mit IT’S KIRI und Annikazion ein Drehbuch ausgearbeitet, nach dem wir Szene für Szene abgedreht haben. Ich wusste also schon im Vorhinein, wann es zu den Kussszenen kommen wird und wie diese ungefähr aussehen sollen. Während es bei „F.A.L.S.“ also ungespielte „in the moment“ Aufnahmen sind, waren die Kussszenen bei „Liebesleben“ geschauspielert. Obwohl wir die „Liebesleben“ Kussszenen ganz am Anfang des Drehs gefilmt haben und es für uns alle eine ungewohnte fremde Situation war, verlief auch das super.

Cool: Du bist, wie gesagt, mit YouTuberin Valentina Vale zusammen und warst auch schon mehrfach in ihren Videos zu sehen. Wie ist das Beziehungsleben mit einer Influencerin und plant ihr in Zukunft noch mehr gemeinsamen Content?

Amy: Es ist richtig uncool und doof… nein (lacht). Das Schöne an unserer Beziehung ist, dass wir bevor wir uns kennengelernt haben, beide unser eigenes Ding bereits durchgezogen haben. Valentina hat öffentlich auf YouTube und Instagram Tabuthemen angesprochen und ich habe dasselbe auf Instagram und mit meiner Musik gemacht. Wir haben beide unabhängig voneinander schon viel von unseren Leben und Gedanken öffentlich preisgegeben und haben uns über die Sozialen Medien vermarktet. Der erste Kontakt entstand mit der Intention gemeinsam Videos zu produzieren. Wir haben über Videoprojekte gesprochen und Ideen ausgearbeitet, bevor wir uns überhaupt konkret kennenlernten. Inzwischen sind wir ein eingespieltes Team. Wir timen unsere Social Media Zeit so, dass wir gleichzeitig an unseren Handys und Laptops arbeiten, uns gegenseitig unterstützen und Feedback geben können. Besonders wichtig ist es uns, dass wir viel offline an kreativen Projekten wie Musik und Videos arbeiten und uns Zeit für uns nehmen. Das weiß ich sehr zu schätzen und ich könnte mir keine bessere Beziehung wünschen. Natürlich ist auch ganz viel gemeinsamer Content geplant, eigentlich geht es jetzt erst so richtig los! Seid gespannt!