Home > Interviews > Unheilig >

 

Unheilig

"Das Leben hat keinen Plan"

Musikalisch sei alles gesagt. Dass der Graf von "Unheilig" abdankt, wisst ihr bereits. Uns verrät er exklusiv, warum er sich nach dem neuen Album "Gipfelstürmer" und der Abschiedstour 2016 zurückzieht. Wusstet ihr, dass der Musiker seit drei Jahren an einen Rücktritt denkt?! Wie es ihm wirklich geht, warum Loslassen für den Grafen eine verdammt schwere Angelegenheit ist und wie er so lange verheimlichen konnte, dass er stottert.

Cool: Du machst Schluss. Den Schock darüber haben deine Fans mittlerweile verdaut. Keiner hat bisher gefragt, wie es dir mit dem Abschied geht.

Graf: Bis zu meinem wirklichen Bühnenabschied dauert es ja noch ein Jährchen (lacht). Diese Zeit brauche ich und bis dahin widme ich mich auch voll und ganz den Unheilig-Fans. Loslassen ist keine leichte Sache, aber ich freue mich trotzdem von ganzem Herzen, "Lebwohl" zu sagen. Und damit meine ich wirklich "Lebwohl", denn ich werde niemals mit Unheilig zurückkommen! Auch wenn sich das vielleicht der eine oder andere wünscht. Obwohl, vielleicht sind manche auch froh ... ?

Cool: Du sagst, das Leben habe keinen Plan. Heißt das, du hast auch keinen Plan für dein neues, leiseres Leben?

Graf: Ich werde oft gefragt, was ich nun mit meiner Zeit anfangen will und darauf habe ich bis jetzt einfach noch keine Antwort gefunden. Ich kann mich nicht in die Situation des Nichtstuns hineinversetzen. Ich möchte mir selber erstmal Zeit geben, um mich dann an meine Freizeit zu gewöhnen. Ich hatte ja in den letzten Jahren keine. Keine Ahnung, ob das klappt, aber ich werd‘s schon hinbekommen (lacht).

Cool: Das hört sich fast ein bisschen nach einem Pensionisten an, der sich fern der Arbeitswelt neu erfinden muss..

Graf: Hey, ich geh ja nicht in Rente! Wie jeder Mensch werde auch ich noch viele Jahre etwas tun und arbeiten. Das ist wohl klar. Allerdings kann ich nicht sagen, ob das etwas mit Musik zu tun haben wird. Es wird auf keinen Fall eine Solokarriere, wie es mir manche Medien anhängen wollen. Unheilig war und ist mein Baby, also mein Soloprojekt. Warum sollte ich also ein zweites starten? Ich werd auch kein Castingshow-Juror!

Cool: Ich habe gelesen, dass du mit deiner verdienten Kohle angeblich deine Familie quasi bis ans Ende aller Tage versorgen könntest. Klingt nach richtig viel Asche!

Graf: Alles Quatsch, da hat wiedermal wer meinen Ironismus falsch verstanden. Medien verdrehen gerne Dinge , aber das ist für mich eine Sache, mit der ich in meinem öffentlichen Leben gelernt habe umzugehen. Ich werde sicherlich in meiner Auszeit irgendwo arbeiten. Vielleicht wieder als Hörgeräteakustiker wie früher. Oder als Kellner in einem Café.

Cool: Deine düstere Präsenz und dein unschlagbares Charisma zeugen von viel Selbstbewusstsein. Du warst aber früher mal richtig schüchtern, stimmt‘s?

Graf: Ja, das stimmt. Bis vor wenigen Jahren war ich sehr unsicher und hatte große Ängste vor Auftritten im Fernsehen oder Radio. Das lag daran, dass ich seit meiner Kindheit Stotterer bin und Angst vorm freien Sprechen hatte. In der Schule sagte mein Lehrer immer, dass ich niemals einen Beruf wählen sollte, der mit Sprechen und dem Kontakt mit anderen Menschen zu tun hat.

Cool: Wegen des Stotterns hast du die Musik als Ausdruckform gewählt?

Graf: Ja, da musste ich nicht sprechen. Ich kann jedem jungen Menschen nur raten, immer für seine Ziele zu kämpfen und immer an sich zu glauben. Der Weg zum Ziel mag manchmal außergewöhnlich und individuell sein, aber das liegt ja auch in unserem individuellen Wesen und Handeln begründet. Ich bin sehr stolz, dass ich niemals aufgegeben habe, trotz der schwierigen Momente, in denen ich gezweifelt habe.

Cool: Name, Alter, Familienstand? Der Graf hält alles gut unter Verschluss. Über Privates lässt du nichts aus.

Graf: Na klar. Das ist meine Heimat, mein Schutzschild, meine Familie. Zu Hause bin ich am liebsten. Hier kann ich mich zurückziehen, mich fallen lassen und einfach mal Luft holen. Mein Privatleben ist völlig normal und hat nichts mit Glamour zu tun. Da bin ich dann wie der Typ von nebenan, der einfach mal mit dem Hund spazieren geht. Meine Kontaktlinsen tausche ich gegen eine Brille und rasiere mich dann kaum.

Foto: © Erik Weiss