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Oh Shit! 💩 Das große Kack-Interview

Als Englisch- und Turn-Lehrerin fing Linda Baier an, ihren Schülern den richtigen Umgang mit TikTok zu zeigen. Zwei Jahre später ist sie als Linda Lime mit 1,5 Millionen Followern erfolgreiche Influencerin und veröffentlichte mit „Die TikTok Schule“ kürzlich ihr erstes Buch. Wir haben uns kein Blatt vor den Mund genommen und bei der 28-Jährigen tabulos nachgefragt.

Reizdarm und andere P(r)obleme? #kackfluencerin Kiki hilft! Karina Spiess aka @Kikidoyouloveme hat kürzlich ihr Buch „Scheiss-Angst“ veröffentlicht und wir haben die Gelegenheit genutzt, um mit ihr ein super tabuloses Tabulos-Interview zu machen.

 

Cool: Warum wird Kacken so tabuisiert?

Karina „Kikidoyouloveme“ Spiess: Weil es einfach nichts Schönes ist. Es stinkt, schaut nicht schön aus, macht komische Geräusche und wird vielleicht häufig auch mit Krankheit verbunden. Auch wenn es total blöd ist, weil wir das alle jeden Tag machen. Aber dennoch ist es leider sehr tabuisiert. Man spricht nicht darüber, es ist mit viel Scham behaftet. Und das möchte ich ändern, weil es eben so normal ist und jeder Mensch jeden Tag kackt.

Cool: Warum glaubst du, ist es eher bei Frauen ein Tabu?

Karina: Das liegt viel daran, wie wir sozialisiert wurden, wie Frauen in Filmen und in den Medien dargestellt werden. Da ist es eben leider häufig noch so, dass Frauen als rein, schön und sexy angesehen werden. Und deshalb soll eine Frau nicht über ihre Ausflüsse und ihren Kot sprechen, sondern schön und sauber sein und gut riechen. Ich glaube, dass das noch bei sehr, sehr vielen Leuten tief verwurzelt ist – gerade auch bei Kindern. Ich weiß noch früher, als ich in der Schule war, da haben die Jungs immer gesagt: bei Frauen kommt Glitzer raus und es riecht nach Rosenduft. Das wird einem schon ganz früh mitgegeben. Generell sollte da eine Aufklärung stattfinden, dass das ganz, ganz wichtig ist, was da unten rauskommt und dass es ziemlich cool ist, was unser Körper da eigentlich macht. Ich hoffe, dass Kacken irgendwann in der Gesellschaft nicht mehr so tabuisiert ist und man da auch darüber sprechen kann.

Cool: Männer furzen ja doch eher voreinander und geben sich danach noch ein „Boah, ey!“. Denkst du, es wird mal der Tag kommen, an dem Mädels sich Props für Fürze geben?

Karina: Ich hoffe so sehr. Die Frage ist so witzig , weil es wirklich so ist (lacht). Und das ist auch bei uns immer noch so, also obwohl wir in unserem Freundeskreis super offen darüber kommunizieren. Wir sprechen wirklich über alles und dennoch furzen nur die Männer in der Gruppe und lachen darüber. Obwohl die Jungs überhaupt kein Problem damit hätten, wenn wir auch vor ihnen furzen würden, machen wir es nicht. Das finde ich schon krass, vor allem, weil wir ja so aufgeklärt sind. Aber ich bin mir sicher, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem wir uns auch Props geben für unsere Fürze (lacht).

Wenn ich übers Kacken spreche, ist das so, als würde ich darüber reden, wie ich mir gerade Blumen gekauft habe.

Cool: Jetzt geht‘s bei dir natürlich nicht nur ums Furzen und Kacken, denn du hast auch wirklich ein Reizdarm-Syndrom sowie Panikattacken. Was ist das genau und hängen die beiden zusammen?

Karina: Also bei mir hängen beide Krankheiten auf jeden Fall zusammen. Ich komme erst mal zum Reizdarm-Syndrom. Also ein Reizdarm-Syndrom kann sich auf viele verschiedene Weise zeigen, beispielsweise durch Durchfälle, Bauchkrämpfe, Verstopfung oder auch eine Mischung daraus. Nichts davon ist schön. Alles davon ist sehr kacke und sehr schmerzhaft. Aber bitte diagnostiziert euch nicht selbst, sondern geht immer zu einem Arzt. Die Panikattacken sind dann nach einer bestimmten Zeit gekommen. Bei mir fing das alles so mit 16 Jahren an. Erst mal hatte ich nur das Reizdarm-Syndrom, dadurch entstanden aber immer mehr Ängste, nicht rechtzeitig ein WC zu finden. Was, wenn es mir auf einmal nicht gut geht? Was, wenn das Klo besetzt ist? Und dann habe ich mich immer mehr zurückgezogen. Ich bin nicht mehr viel rausgegangen und genau dadurch entstanden dann die Panikattacken, weil ich mich eben nicht mehr auf meinen Körper verlassen konnte. Das fehlende Vertrauen in meinen Darm hat sich leider auf mein Körper ausgeweitet.

Cool: Wann hast du für dich beschlossen, als Influencerin öffentlich darüber zu sprechen?

Karina: Ich habe ungefähr vor zwei Jahren angefangen, darüber zu sprechen. Ich wollte das schon ziemlich lange machen, weil für mich war es immer ein richtig krasses Phänomen, dass ich jahrelang das Gefühl hatte, mit dieser Krankheit allein zu sein. Wirklich niemand hat darüber gesprochen. Ich dachte, ich bin die Einzige, die das hat. Und jedes Mal, wenn ich mich jemandem öffnete, habe ich gehört: Krass, ich habe das auch, lass uns mal austauschen. Und ich dachte mir, wenn das in meinem kleinen Kreis schon so ist, wie wird es dann sein, wenn ich öffentlich darüber spreche? Wenn das noch viel mehr Menschen erreicht? Und das hat mich ein bisschen motiviert, es zu machen. Anderen Menschen das Gefühl zu geben, damit nicht allein zu sein.

Cool: Kannst du dich noch an dein erstes Kack-Posting erinnern? Wie schwer ist es dir damals gefallen und wie schwer fällt es dir heute noch, peinliche Storys zu erzählen?

Karina: An mein erstes Posting kann ich mich gut erinnern. Da lag ich mit Wärmflasche auf dem Sofa, mein Freund war neben mir und ich hatte schon über zwei Jahre oder so in meiner Notizen-App einen Text vorgeschrieben. Ich hab mich aber nie getraut, ihn zu posten. Es würden dann auf einmal alle Bescheid wissen. Alle aus meinem Bekanntenkreis, alle aus meiner Uni, also wirklich alle, deswegen habe ich häufig einen Rückzieher gemacht. Ich hatte auch Angst vor negativem Feedback. Und an diesem Tag auf dem Sofa, in einer Phase, in der es mir gar nicht gut ging mit dem Darm, habe ich es dann gepostet. Ich glaube, sogar nur als Story. Dann habe ich mein Handy weggelegt, mir Tee gemacht und einen Film geguckt. Als ich abends Instagram aufgemacht habe, hatte ich so viele tolle Nachrichten bekommen… und so fing das dann alles an. Heute habe ich gar keine Hemmungen mehr, wenn es um dieses Thema geht. Wenn ich übers Kacken spreche, ist das so, als würde ich darüber reden, wie ich mir gerade Blumen gekauft habe.

Cool: Das ist unsere Sommer-Ausgabe… hast du eine sommerliche Kack-Story für uns?

Karina: Wir haben mit unseren Freunden Camper-Urlaub gemacht. Wir haben uns einen Camper geteilt und man kann sich vorstellen, mit einem Reizdarm war das eine riesige Herausforderung, das überhaupt zu machen. Ich hatte tausendmal überlegt, ob ich es machen soll oder nicht, aber es waren halt unsere besten Freunde und eigentlich fühle ich mich wohl mit denen, also habe ich zugesagt. Wir sind also mit dem Camper durch Schottland gefahren. Auf so engem Raum mit nur einer Camping-Toilette eine Woche unterwegs zu sein… puh!. Gleich die ersten Tage ging es mir mit dem Darm echt überhaupt nicht gut und ich habe sehr viel auf Klo gehangen. Die anderen haben probiert, mir zu Liebe irgendwie beim Campingplatz aufs Klo oder ins Gebüsch zu gehen, damit das Camper-Klo ein bisschen mein Safe Place ist. Irgendwie sind die anderen auch noch ein paar mal drauf gegangen und so mussten wir dann irgendwann mal unser Camping-Klo ausleeren. Mein Freund Fabio kannte sich aus, aber der war irgendwie nicht da, also musste ich es mit einem Kumpel machen. Wir haben aber noch nie ein Camper-Klo ausgeleert. Also sind wir mit unserem Trolley voll Kacke über den Campingplatz und haben uns dabei fast übergeben, weil das wirklich so ekelhaft war. Auch alle Leute um uns herum haben mich komisch angeguckt und wir dachten uns: Warum gucken die jetzt so? Wir machen das auch so wie jeder andere auch. Und dann sind wir zu den anderen zurückgekommen.Das war so ekelhaft. Wir haben uns schlapp gelacht, weil das so eklig war. Das hat so gestunken. Ein paar Tage später musste das Klo wieder ausgeleert werden und dieses Mal sollte es Fabio machen. Und wir meinten schon zu Fabio: Boah, pass auf, das wird so übertrieben ekelhaft. Und dann haben wir uns hinter der Tür versteckt und wollten uns über ihn lustig machen, weil er würgen muss. Und dann sehen wir wie er sein Gesicht überhaupt nicht verzieht. Er kam so raus: Ist doch überhaupt nicht schlimm, da kam einfach so eine blaue Flüssigkeit raus. Turns out… wir sind einfach die ersten Tage ohne Chemie in der Toilette durch Schottland gefahren. Es hat die ganze Zeit nach Kacke gestunken. Wir dachten, das ist normal (lacht). Aber ja, wir hatten einfach keine Chemie drin. Sommer, 31 Grad, die Sonne knallt den ganzen Tag auf den Camper. Wir sind damit bergauf, bergab gefahren. Hahaha.

Cool: Für dich ist es ja ein ernstes Thema, dennoch haben deine Geschichten auch einen Entertainment-Faktor. Ist es okay, darüber zu lachen?

Karina: Meiner Meinung nach ist Humor eine richtig gute Möglichkeit, um bei tabuisierten Themen durchzubrechen. Ich finde, wenn man einmal darüber gelacht hat, ist auf einmal der gesamte Druck weg. Das hat mich dazu inspiriert, auf Instagram und TikTok auch mal witzige Videos über meinen Reizdarm zu machen. Wenn man ein bisschen schmunzelt und lacht, dann ist es einfacher, dieses Thema anzunehmen, als wenn man alles zu krass ernst nimmt.

Cool: Mit „Scheiss-Angst“ hast du kürzlich dein erstes Buch releast. Was gibt‘s darin zu lesen?

Karina: Meine Schwägerin ist Ärztin und hat sich ausgerechnet auf den Reizdarm spezialisiert. Wir haben schon ewig gesagt: Hey, wir müssen irgendwie unsere Kräfte vereinen. Ich aus der Position der Betroffenen, also in dem Buch geht es ganz viel um meinen Alltag, um meine Beziehung, um meine Freundschaft, um mein Studium, mein Auslandsjahr, wie ich jetzt damit umgehe. Ich gebe da ganz viele private Einblicke, ganz viele Tipps und Ratschläge, wie man damit besser leben kann. Gleichzeitig bringt meine Schwägerin Katja eine ärztliche, eine medizinische Einordnung mit da rein.

© Marco Pessl/Gonzomedia

Das ist „Tabulos“
An meine bessere Hälfte – die mich liebenswerterweise übrigens gerne „Pupskopf“  nennt – dieses Interview ist für Dich, haha. Nein, Spaß! Ich finde es aber wirklich spannend, warum Furzen so verpönt ist beziehungsweise warum man aus Kacken so ein Geheimnis macht. Man niest ja auch vor anderen und dann sagt der andere „Gesundheit“ und alles ist gut. Warum kann man nicht auch voreinander furzen und dann „zum Wohl“ sagen? Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe jedenfalls jetzt mal Kiki interviewt – ein echt shitty Gespräch. (Daniel Gräbner)