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Depressionen und Selbstmordgedanken

Was tun, wenn ich nicht mehr weiter weiß? Woher kommen Depressionen? Wie reagiere ich, wenn Freunde über Selbstmord sprechen? Wir haben den Grazer Doktor Thomas Kröpfl, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, zum Interview gebeten.

Was tun, wenn ich nicht mehr weiter weiß? Woher kommen Depressionen? Wie reagiere ich, wenn Freunde über Selbstmord sprechen? Wir haben den Grazer Doktor Thomas Kröpfl, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, zum Interview gebeten.

 

Cool: Vor knapp einem Jahr wurde auf Netflix die US-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ veröffentlicht, die erzählt wie und warum sich eine Siebzehnjährige das Leben nimmt. Sie sind Kinder- und Jugendpsychiater in Graz. Wie sieht es hierzulande mit Jugenddepression aus?

Dr. Thomas Kröpfl: Suizid bei Kindern und Jugendlichen ist sehr wohl ein Thema. Das Alter, in dem es bereits problematisch wird, ist ab zehn Jahren. Es gibt zwar auch schon davor durchaus Kinder, die sogenannte Suiziddrohungen abgeben, aber da ist es in der Regel so, dass sie sich noch nicht wirklich im Klaren darüber sind was die Aussage „Ich will nicht mehr leben“ bedeutet. Bei Zehnjährigen ist das hingegen schon eine andere Situation, was aber nicht heißen soll, dass man es davor nicht auch ernst nehmen sollte. Jede Suiziddrohung ist ein Hilfeschrei.

Cool: Ab zehn Jahren!? Das ist ein Wahnsinn! Was sind da denn die Gründe dafür?

Dr. Thomas Kröpfl: Die häufigsten Gründe sind eigentlich echte, tiefe Depressionen. Also gerade wenn wir jetzt die Serie als Beispiel nehmen, in der ja dreizehn Gründe behandelt werden, die einen in den Selbstmord treiben könnten, muss ich sagen, dass es zwar auch solche Fälle gibt und man diese nicht verharmlosen sollte, es aber nur selten solche Gründe sind.

Cool: Sondern?

Dr. Thomas Kröpfl: Der Hauptanteil sind endogene Depressionen, das sind Depressionen „ohne“ Grund, also ohne offensichtlichen Auslöser. In der Serie werden eher exogene Depressionen dargestellt, also wenn man beispielsweise gemobbt oder vergewaltigt wird und deshalb nicht mehr weiterleben will. Das ist in der Realität eher selten. Viel häufiger sind Depressionen, die im Inneren entstehen.

Cool: „Tote Mädchen lügen nicht“ ist also eher unrealistisch?

Dr. Thomas Kröpfl: Wie bei allem was man im Fernsehen oder im Kino sieht, muss man auch hier klar zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Natürlich sollte man das Thema der Serie sehr ernst nehmen, aber gerade Depressionen sind sehr stark mit Antriebslosigkeit verbunden. Es beginnt mit Aktivitätsverlust, Energieverlust bis hin zum Verlust der Lebensfreude. Das Schlimmste ist innere Leere, also wenn man gar keinen Zugang mehr zu seinen Gefühlen hat, dann wird es gefährlich, denn dann ist ein Suizid auch möglich. Tonbänder aufzunehmen und das regelrecht zu inszenieren dient lediglich dem Unterhaltungszweck der Zuseher.

Cool: Wie erkennt man Depressionen?

Dr. Thomas Kröpfl: Wie gesagt, Antriebslosigkeit ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal, speziell bei Kindern und Jugendlichen. Also wenn sie ihre Hobbys aufgeben, immer weniger Kontakt zu ihren Freunden haben und sich zurückziehen. Die Kinder und Jugendlichen, die zu mir kommen, wissen oftmals selbst nicht genau was los ist und warum sie sich so fühlen. Es soll bitte jetzt aber nicht so klingen als hätten endogene Depressionen keine Gründe, so ist das nicht. Sie sind nur nicht so offensichtlich, die menschliche Psyche ist sehr komplex. Durch Gesprächstherapien und medikamentöse Einstellung kommt die Lebensfreude aber auch wieder zurück. Chronische Depressionen gibt es bei Jugendlichen zum Glück nur ganz selten. Die Heilungschance bei Kindern und Jugendlichen liegt im Bereich von hundert Prozent.

Sobald Suizidgedanken geäußert werden, schrillen ohnehin die Alarmglocken.

Cool: Wenn man mal schlecht drauf oder unglücklich ist, muss das aber noch keine Depression sein?

Dr. Thomas Kröpfl: Wenn man vom Freund oder der Freundin verlassen wurde, dann ist man traurig, aber das ist normal. Wenn man merkt, dass sich das eigene Kind, die beste Freundin oder der beste Freund immer mehr zurückzieht und über einen längeren Zeitraum sehr traurig wirkt, dann ist das aber ein erstes Anzeichen für eine mögliche Depression. Und sobald Suizidgedanken geäußert werden, schrillen ohnehin die Alarmglocken. Am Wichtigsten ist da vor allem, dass man es ernst nimmt und nicht runterspielt. Es sind leider oft auch die Eltern, die das nicht sehen. Familien müssen funktionieren, Kinder müssen funktionieren und da passiert es oft, dass das im Alltag einfach übersehen wird.

Cool: Inwiefern haben Cybermobbing und das Internet das Ganze verändert?

Dr. Thomas Kröpfl: Ich weiß, dass da medial sehr viel kolportiert wird, aber aus meiner Erfahrung hat Jugenddepression durch Facebook und Instagram jetzt nicht zugenommen. Was mir im Vergleich zu früher aufgefallen ist, ist eher der Leistungsdruck durch uns Erwachsene. Du musst studieren, du musst erfolgreich sein! Dadurch können durchaus Depressionen entstehen, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht mehr wissen wie es weitergehen soll und das Gefühl haben, in der Luft zu hängen.

Cool: Was die Serie aber schon auch zeigt, ist, dass manchmal auch Kleinigkeiten das Fass zum Überlaufen bringen können…

Dr. Thomas Kröpfl: Das stimmt. Menschen können sich gegenseitig vor allem psychisch sehr leicht verletzen und gerade Kinder und Jugendliche nehmen sich noch schneller etwas zu Herzen. Allerdings verzeihen und vergessen Kinder auch recht schnell, also eine gesunde Kinderpsyche ist eigentlich recht robust. Aber klar, ein gesundes Miteinander würde bestimmt die eine oder andere Depression verhindern. Ich muss aber ganz ehrlich sagen, dass das heutzutage eigentlich besser ist als zu meiner Zeit. Es gibt Anlaufstellen, Schulpsychologen, Anti-Mobbing-Programme, es wird offener geredet. Man sagt immer, dass früher alles besser war, aber das finde ich persönlich nicht.

Cool: Haben Sie zum Abschluss noch einen Ratschlag?

Dr. Thomas Kröpfl: An alle Eltern: Hören Sie Ihren Kindern zu, das ist gerade in ihrer Entwicklung ausgesprochen wichtig. Ich möchte auch nicht, dass das Interview zu negativ klingt. 80 bis 90 Prozent aller Familien funktionieren zum Glück sehr gut. Ein guter Draht zur Familie und zu Freunden reicht sehr häufig aus, dann braucht es auch gar keine professionelle Hilfe. Nur wenn man als Kind oder Jugendlicher das Gefühl hat, dass das nicht mehr reicht, dann sollte man sich an eine Beratungsstelle wenden. Am wichtigsten ist einfach, nicht zu versuchen, immer alles mit sich alleine auszumachen, sondern offen über Probleme zu reden.

© Oliver Wolf

Das ist „Tabulos“
Wir haben in der Redaktion schon längere Zeit überlegt, die Rubrik „Unschlagbar“ zurück ins COOL zu bringen. Aus dieser Idee ist nun die neue Interview-Reihe „Tabulos“ entstanden, weil ich es persönlich sehr wichtig finde, eben nicht die Augen, Ohren und den Mund zu verschließen, sondern auch über kritische Themen zu berichten. Zum Auftakt habe ich mich für das Thema Depressionen und Selbstmordgedanken entschieden. Seit der Veröffentlichung von „Tote Mädchen lügen nicht“ wird zwar viel darüber geredet und geschrieben, ich wollte so ein heikles Thema, aber nicht oberflächlich behandeln. Mit Dr. Thomas Kröpfl hatte ich ein sehr intensives und spannendes Gespräch, das euch hoffentlich auch zum Nachdenken bringt. (Daniel Gräbner)