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„AIDS betrifft uns alle“

Im vorigen Monat machte Conchita ihre HIV-Infektion öffentlich. Wir haben uns aus diesem Anlass mit den beiden Sozialarbeiterinnen Julia Hansl und Kerstin Hübler von der AIDS-Hilfe Steiermark getroffenen und mit ihnen offen über das Thema HIV/AIDS gesprochen.

Im vorigen Monat machte Conchita ihre HIV-Infektion öffentlich. Wir haben uns aus diesem Anlass mit den beiden Sozialarbeiterinnen Julia Hansl und Kerstin Hübler von der AIDS-Hilfe Steiermark getroffenen und mit ihnen offen über das Thema HIV/AIDS gesprochen.

 

Cool: Wir wissen alle, dass wir beim Sex verhüten sollen, aber was ist wenn es doch einmal zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr kommt? Muss man dann gleich in Angst ausbrechen?

Julia Hansl: Panik und Hysterie ist nie gut, weil es das logische und strategische Denken hemmt. Wenn man befürchtet, sich vielleicht angesteckt zu haben, sollte man trotzdem Ruhe bewahren. Am Wichtigsten ist, es danach abklären zu lassen und es nicht zu verdrängen oder zu hoffen, dass nichts passiert ist. Selbst wenn der Test positiv sein sollte: Je früher man Bescheid weiß, umso besser sind die Behandlungsmöglichkeiten.

Cool: Aber was kann man konkret tun, wenn man danach plötzlich doch Gewissenbisse kriegt?

Kerstin Hübler: Allzu viele Möglichkeiten gibt es leider nicht, also wenn man sich sicher sein will, dann muss man sich testen lassen, daran führt kein Weg vorbei. Man kann beispielsweise zu uns in die AIDS-Hilfe kommen, wir bieten abends Beratungsgespräche an, in denen man dann über die Risikosituation sprechen und in der weiteren Folge einen kostenlosen und anonymen HIV-Test machen lassen kann. Was auch ziemlich neu ist, sind Selbsttests, die man unter anderem im Internet bestellen kann. Da piekt man sich in die Fingerkuppe und hat dann nach 20 Minuten ein Ergebnis, ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest.

Cool: Kurze Zwischenfrage: Was ist eine Risikosituation?

Julia: Ungeschützter Sex. Analverkehr, Vaginalverkehr, im Grunde genommen jede Form von Samenerguss im Körper, auch im Mund. Scheidenflüssigkeit stellt oral hingegen kein Risiko dar.

Kerstin: Genau. Was vielleicht auch ganz interessant ist, es gibt noch die Möglichkeit innerhalb von zwei bis 24 Stunden nach dem Sex eine so genannte PEP-Pille (Postexpositionsprophylaxe) einzunehmen. Das ist ein Medikament, das man nach einer Risikosituation einnehmen kann und das verhindert, dass sich der Virus im Körper einnistet. Diese Pille kriegt man allerdings nicht bei uns oder in der Apotheke, sondern in der Spezial- oder Notfallambulanz im Krankenhaus.

Cool: Jetzt gibt es ja die weitläufige Meinung, man würde eh erkennen, ob diejenige oder derjenige krank ist…

Julia: Nein, überhaupt nicht! Also das was die Leute so klassisch im Kopf haben, ist ein Blödsinn. Die Sexarbeiterin, der Fixer und alle Schwule. Nein, so ist das nicht! HIV betrifft alle, quer durch sämtliche Altersklassen und Gesellschaftsschichten.

Kerstin: Man kann zudem nie wissen, was der Sexualpartner gemacht hat. Auch wenn er vielleicht erzählt, dass er vor einem halben Jahr Blutspenden war, kann in der Zwischenzeit so viel passiert sein. Wir wollen überhaupt keine Panik machen, aber die Neudiagnosen zeigen, dass die Zahlen wieder ein wenig am Steigen sind – in der Steiermark waren es im Vorjahr rund 500 Neuinfizierte. Aber klar, es ist jetzt definitiv nicht so, dass jeder Zweite HIV positiv ist.

Cool: Ich bin jetzt mal naiv und dumm und behaupte, dass die Wahrscheinlichkeit dann ja eh sehr gering ist.

Kerstin: Damit hast du sogar Recht, aber man kann es einfach nicht wissen. Von unseren HIV-Infizierten ist zum Glück kein einziger unter 18 Jahren, aber auch wenn du erst 14 Jahre alt bist und dein Partner 16, kann man es de facto trotzdem nicht ausschließen. Ohne Test ist und bleibt es ein Glücksspiel mit der Gesundheit.

Wenn man sich reif genug fühlt, um Sex zu haben, dann sollte man auch erwachsen genug sein, um so etwas [wie Verhütung] ansprechen zu können.

Cool: Kurz gesagt, wir wissen, dass wir nichts wissen…

Julia: Wenn man sich nicht testen lässt oder verhütet, ja. Alles andere kann man nicht vorhersagen. Auch wenn du mit einer HIV positiven Person unverhüteten Sex hast, muss das nicht heißen, dass du dich sofort infizierst. Das hängt auch viel von der Sexualpraktik ab. Vaginaler Sex mit einer intakten Schleimhaut ist natürlich ungefährlicher als ungeschützter Analverkehr ohne Gleitgel, wo dann kleine Risse und Wunden entstehen und das Virus direkt in die Blutbahn kann.

Cool: Jetzt lernt man jemanden kennen und möchte nach einiger Zeit auf das Kondom verzichten. Wie spricht man das am besten an?

Kerstin: Ich finde, man kann das ganz normal ansprechen. Wenn man sich reif genug fühlt, um Sex zu haben, dann sollte man auch erwachsen genug sein, um so etwas ansprechen zu können. Gerade vor einer Beziehung sollten sich im Idealfall ohnehin beide testen lassen. Es geht ja nicht nur um HIV, sondern auch generell um Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien, Gonorrhoe oder HPV. Ich würde meinem Partner einfach sagen, dass ich auf meine Gesundheit schauen möchte und mir das wichtig ist. Mir würde ungeschützter Geschlechtsverkehr auch mehr taugen, darum könnten wir doch gemeinsam zum Test gehen…

Julia: …und dann ist es geklärt und wir können es genießen und müssen uns nicht ständig Gedanken darüber machen. Es kommen auch wirklich viele frische Paare zu uns. Man lässt sich testen und kann dann sicheren ungeschützten Sex haben.

Cool: Was ist wenn der Test doch positiv ausfällt?

Kerstin: Im ersten Moment ist es natürlich ein Schock, aber viele wissen auch nicht wie gut man mittlerweile mit einer HIV-Infektion leben kann. Also gesundheitlich hat man AIDS heutzutage schon sehr gut im Griff, die größeren Probleme sind eher psychischer und sozialer Natur. Wie erzähle ich es meiner Familie und meinen Freunden? Diskriminierung und Stigmatisierung ist ein sehr großes Thema. ‚Du räudige Sau! Ich kann dich nicht mehr angreifen oder aus demselben Glas trinken.‘ Das sind alles so Sachen, die überhaupt nicht stimmen, aber aufgrund von Vorurteilen und Unwissenheit zum Problem werden – auch was zukünftige Liebesbeziehungen betrifft.

Julia: AIDS ist eine chronische Krankheit wie zum Beispiel auch Diabetes, aber dadurch, dass sie durch Sex übertragen wird, hat sie so ein verruchtes, schmutziges Image. Es ist daher auch toll, dass du uns gerade für die Rubrik „Tabulos“ interviewst, denn es wäre wichtig HIV und AIDS zu enttabuisieren. Man soll die Krankheit natürlich keinesfalls verharmlosen, aber man sollte sie auch nicht mehr tabuisieren. Leider, wird das aber noch einige Jahre brauchen.

Cool: Habt ihr zum Abschluss noch einen Rat an unsere Leser?

Julia: Speziell junge Menschen, die gerade erst am Anfang ihres Sexuallebens stehen und sich natürlich ausprobieren wollen, sollten immer im Hinterkopf haben, dass es trotz allem um ihre Gesundheit geht. Es ist auch völlig okay einmal Nein zu sagen. Im Besonderen Mädels sollten sich zu nichts überreden lassen, das sie nicht wollen. Man muss Sex nicht mit jedem so praktizieren wie es auf YouPorn dargestellt wird. Natürlich soll Sex Spaß machen, aber das tut er auch mit Kondom.

© Oliver Wolf

Das ist „Tabulos“
Eigentlich sollte in dieser „Tabulos“- Ausgabe ein anderes Thema behandelt werden, aber durch das HIV-Outing von Conchita habe ich meine Pläne spontan umgeworfen – und das war auch gut so. Ich habe mit Julia und Kerstin fast eine Stunde lang über HIV und AIDS gesprochen und war vor allem von ihrer Offenheit und Ehrlichkeit sehr begeistert. Nur mit erhobenem Zeigefinger zu sagen, dass ihr beim Sex immer ein Kondom verwenden sollt, ist meiner Meinung nach zu wenig. Angstmacherei statt Information ist ebenfalls falsch. Ich habe deshalb versucht, mal ein etwas anderes und authentischeres Interview zu diesem Thema zu führen und hoffe, ihr findet es ebenso spannend und lehrreich wie ich mein Gespräch mit Julia und Kerstin. (Daniel Gräbner)