Nonnen & Netflix. Wie modern geht es in einem Kloster zu und warum wird man überhaupt Ordensschwester? Dürfte man sich als Schwester „The Nun“ im Kino ansehen? Wir haben mal wieder ein komplett anderes „Tabulos“-Interview geführt und uns mit Kreuzschwester Dr.in Gertraud Johanna Harb in Graz getroffen.
Cool: Im Volksmund würde man dich vermutlich als Nonne bezeichnen. Stimmt das denn überhaupt?
Schwester Gertraud: Eigentlich nicht. Nonnen sind jene Schwestern, die in klausurierten Orden leben, also die sich freiwillig dafür entschieden haben, das Kloster nach ihrem Eintritt nicht mehr zu verlassen. Nonnen sieht man demnach niemals auf der Straße (grinst). Alle anderen nennt man richtigerweise Ordensschwestern.
Cool: Du bist mit 35 Jahren eine der jüngsten Ordensschwestern des Landes. Speziell in der heutigen Zeit ist das recht selten. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden?
Schwester Gertraud: Als Kind hätte ich selbst niemals daran gedacht, später mal irgendwas mit Religion zu machen. Meine Eltern waren schon religiös, aber ich habe das frühe Aufstehen am Sonntag immer gehasst (lacht). Schlussendlich kam es dann aber doch anders. Ich habe zuerst Kindergartenpädagogik gemacht und dann Theologie studiert, weil mich die Thematik doch interessiert hat. Während des Studiums habe ich dann erste Ordensleute kennengelernt. Die waren alle sehr cool und plötzlich hat mich die Idee, in einen Orden einzutreten, irgendwie nicht mehr losgelassen. 2013 war es dann soweit und seither bin ich bei den Kreuzschwestern.
Cool: Wie sieht der Tagesablauf einer Ordensschwester aus?
Schwester Gertraud: Mein Alltag ist chaotisch (grinst). Um 6.15 Uhr ist das erste Morgengebet…
Cool: … also hat sich deine Abneigung gegenüber dem frühen Aufstehen mittlerweile gelegt? (lacht)
Schwester Gertraud: Nein (lacht). Alles was vor 12 Uhr ist, ist für mich früh. Ich stehe noch immer ungern so zeitig auf und bin auch meistens die Letzte, die zum Morgengebet in den Gebetsraum einbiegt (lacht). Um 6.45 Uhr ist die Messe, da ich im Priesterseminar wohne, dann gibt’s Frühstück und dann habe ich noch eine halbe Stunde Meditationszeit. Danach gehe ich in meine Arbeit an den Bischöflichen Campus Augustinum in Graz. Um 17.45 Uhr ist das Abendgebet und danach haben wir eigentlich Freizeit. Wir haben fünf vorgeschriebene Gebetszeiten, aber man kann sie teilweise zusammenfassen. Weniger als 1,5 Stunden am Tag beten sollten wir nicht.
Cool: In unserem Vorgespräch hast du mindestens zwei Mal das Wort „geil“ verwendet, was mich total erstaunt hat, weil man das von einer ehrwürdigen Schwester jetzt nicht unbedingt erwarten würde (lacht)…
Schwester Gertraud: Das liegt daran, weil man bei Schwestern eher an ältere Damen denkt. Keine Frage, es ist jetzt nicht unbedingt die schönste Ausdrucksweise, aber die Zeiten haben sich geändert. Ich bin erst 35 und natürlich auch in der heutigen Zeit aufgewachsen. Wenn mich etwas freut, sage ich auch mal „geile Scheiße“ (lacht). Ich habe von meiner Oberin diesbezüglich zwar auch schon öfter gehört, dass das nicht so optimal ist, aber man bleibt halt auch im Orden der Mensch, der man ist und dann flutscht einem so ein Wort eben raus. Ich trinke auch gerne mal ein Bier und werde in der Öffentlichkeit dann immer bestaunt, wenn ich in meinem Outfit im Gastgarten sitze. Generell gibt es viele Vorurteile: Eine Ordensfrau ist brav, eher naiv und ein bisschen dümmlich. Das ist aber ein Irrglaube. Ja, wir leben für Gott und die Gemeinschaft, aber wir sind jetzt auch keine Dummerchen, die von der Welt überhaupt nichts mitkriegen.
YouTube nutze ich sehr gerne und viel und auch Netflix kenne ich.
Cool: Wie ich schon gesehen habe, hast du ja sogar ein iPhone. Wenn du mir jetzt auch noch erzählst, dass „Nonnen“ Netflix schauen, dann bin ich komplett baff.
Schwester Gertraud: Das mit dem iPhone verdutzt viele (grinst). Es ist allerdings nur mein Firmenhandy. Man verpflichtet sich als Ordensschwester ja unter anderem dazu, sparsam zu leben. Es geht uns nicht um Hab und Gut, sondern um das Leben mit Gott und bei den Kreuzschwestern auch darum die Not bedürftiger Menschen zu lindern. Also natürlich haben wir Laptops, aber die müssen wir untereinander aufteilen und auch Fernseher haben wir bloß einen gemeinsamen. YouTube nutze ich sehr gerne und viel und auch Netflix kenne ich. Das wäre soweit ich weiß auch gar nicht verboten, aber es ist finanziell nicht möglich. Wir bekommen ein Taschen- beziehungsweise Verfügungsgeld von 750 Euro im Jahr. Damit müssen wir aber auch Hygieneartikel, Jacken und Schuhe usw. bezahlen. Da bleibt dann für Eis, Kaffee oder Kinobesuche nicht mehr viel übrig. Ich bin früher auch wahnsinnig gerne Sushi essen gegangen, aber seit dem ich im Orden bin, überlegt man sich solche Ausgaben natürlich schon.
Cool: Apropos. Aktuell läuft ja der Horrorfilm „The Nun“ im Kino. Es wäre so witzig wenn du dir den Film anschauen würdest (lacht).
Schwester Gertraud: Meine Internatsschüler haben mich auch schon darauf angesprochen und gefragt, ob ich ihn mir mit ihnen anschaue (lacht). Ähnlich wie beim Biergarten, kann es manchmal aber auch nerven, weil man sich immer beobachtet vorkommt.
Cool: Das kann ich mir vorstellen. Kommt es eigentlich auch vor, dass du verarscht wirst?
Schwester Gertraud: Richtig blöd angemault bin ich bisher erst zweimal geworden. Ein bisschen belächelt wird man aber häufiger und manchmal gibt’s auch Leute, die richtige Diskussionen über die Kirche anfangen, wo ich mir denke: Das Thema hatte ich schon 11.000 Mal und dabei will ich hier gerade einfach nur in Ruhe sitzen. Das kann dann anstrengend sein.
Cool: Obwohl mir die Frage fast ein wenig unangenehm ist, aber sie ist halt sehr interessant. Du darfst ja keinen Sex haben. War das jemals ein Problem für dich?
Schwester Gertraud: Das ist jetzt nichts, das ich unbedingt öffentlich beantworten möchte. Ich lebe selbstverständlich enthaltsam und habe mich ja auch selbst dafür entschieden. Was ich jedoch dazu sagen kann, ist, dass es mir schon schwer fällt, mir vorzustellen, mein ganzes Leben lang ohne Partner zu leben. Aber nicht wegen dem Körperlichen, sondern eher wegen dem gemeinsamen Leben. Meine Schwestern sind zwar für mich auch wie eine Familie, aber es ist trotzdem etwas anderes.
Cool: Geht dir ansonsten etwas in deinem Leben ab?
Schwester Gertraud: Ich habe mein vorheriges Leben eher als beengend empfunden. Gesellschaftlicher Druck, das ganze Materialistische, man soll oder muss immer das Neueste oder Teuerste haben. Obwohl ich im Orden auf einige Dinge verzichten muss, fühle ich mich insgesamt eigentlich freier als davor.

Das ist „Tabulos“
Welches Thema könnte euch in unserer „Tabulos“-Interviewreihe noch interessieren? Was ist kein typisches Jugendthema und könnte dennoch einige von euch ansprechen? Wen würde ich persönlich gerne interviewen? Eine „Nonne“ wäre doch interessant. Es muss ja auch junge Ordensschwestern geben und warum geht man überhaupt ins Kloster? Ein Interview mit einer jungen Schwester war also der Plan. Wie passend, dass meine Schwiegermutter in spe in der Diözese Graz-Seckau arbeitet. Check, check und schon hatte ich einen Termin mit Schwester Gerti und führte eines der lustigstsen und spannendsten Interviews meiner Karriere. Vergesst Whoopi und „Sister Act“, Schwester Gerti ist viel cooler! Bussi auch noch an „Schwiegermonster“ Helga fürs Verkuppeln. (Daniel Gräbner)
