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Neid kann auch ein Motivator sein

In Zeiten von Arm und Reich, Sportlergehältern in Millionenhöhe, Instagram-Abonnentenzahlen und Markenwahn wird immer öfter geneidet. Wir haben uns deshalb mit Univ.-Prof. Dr.phil. Dipl.-Psych. Katja Corcoran, Arbeitsbereichsleiterin des Instituts für Sozialpsychologie an der Karl-Franzens Universität Graz, getroffen und mit ihr über Neid gesprochen.

In Zeiten von Arm und Reich, Sportlergehältern in Millionenhöhe, Instagram-Abonnentenzahlen und Markenwahn wird immer öfter geneidet. Wir haben uns deshalb mit Univ.-Prof. Dr.phil. Dipl.-Psych. Katja Corcoran, Arbeitsbereichsleiterin des Instituts für Sozialpsychologie an der Karl-Franzens Universität Graz, getroffen und mit ihr über Neid gesprochen.

 

Cool: Man hört immer wieder, dass wir in einer Neidgesellschaft leben. Ist Neid also eher ein neues Phänomen?

Katja Corcoran: Neid ist eine ganz grundlegende Emotion, die durch soziale Vergleiche ausgelöst wird. Wenn man sich mit einer anderen Person vergleicht und dabei feststellt, dass diese Person etwas hat oder kann, das man auch gerne hätte oder können würde, dann ist das Neidgefühl eine von verschiedenen möglichen Reaktionen darauf. Vergleiche sind etwas, das wir ganz automatisch machen, das ist etwas Grundlegendes in der menschlichen Natur. Es ist also kein völlig neues Phänomen, das es erst seit kurzem gibt, sondern Neid existiert schon fast so lange wie der Mensch selbst.

Cool: Es wurde also schon immer gleich viel geneidet?

Katja Corcoran: Nicht unbedingt, denn es ist sehr wohl so, dass die Veränderungen in unserer Gesellschaft den Neid vielleicht ein bisschen provozieren. Es gibt heutzutage viel mehr Gelegenheiten, um jemanden zu beneiden. Wenn man sich in sozialen Medien aufhält, sind soziale Vergleiche nicht weit (lacht). Wir haben in der heutigen Zeit viel mehr Information darüber was andere Menschen haben oder erreichen. Früher hatte man mit Freunden, Schulkollegen und der Familie einen deutlich geringeren Kreis an potentiellen Vergleichspersonen.

Cool: Man sagt ja, dass Neid eine der schlimmsten Todsünden ist. Andererseits gilt Neid auch als höchste Anerkennung…

Katja Corcoran: Wo befinden wir uns denn nun? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst einmal zwischen Neid und Missgönnen unterscheiden. Obwohl wir in der deutschen Sprache zwei unterschiedliche Wörter haben, wird Neid viel häufiger und damit auch fälschlicherweise verwendet. Der Todsünden-Gedanke, also das Negative, trifft eigentlich viel eher bei Missgönnen beziehungsweise Missgunst zu. Man wünscht dem anderen etwas Schlechtes oder hofft, dass er das was man selbst gerne hätte verliert.

Cool: Also dass dem Schulkollegen das neue iPhone X auf den Boden fällt oder dass das Mädchen, das mit dem Typen zusammen ist, den man selber gerne daten würde, von ihm beschissen wird.

Katja Corcoran: Genau, wenn man jemandem etwas missgönnt, dann sind da sehr negative, destruktive Gedanken mit im Spiel. Neid hingegen muss nicht zwangsläufig etwas Negatives sein, sondern kann sich auch positiv auswirken. Wenn man sich beispielsweise durch das Beneiden dazu motiviert fühlt, auch dort hinzukommen wo der andere ist. Diese Antriebskraft ist dann bestimmt keine Todsünde (lacht). Die Redewendung mit der „höchsten Anerkennung“ betrachtet das Ganze ja von der anderen Seite und auch da gibt es wieder zwei Situationen. Wird man wirklich beneidet, so kann sich das auf den Selbstwert schon positiv auswirken, wird einem hingegen etwas missgönnt, ist es aber garantiert eher unangenehm. Allerdings kann man das als Beneideter wiederum auch selbst beeinflussen, nämlich wie man sich gibt, also eher bescheiden oder überheblich und protzerisch.

Cool: Speziell auf Instagram wird ja gerne geprahlt.

Katja Corcoran: Wie schon gesagt, die sozialen Medien schaffen deutlich mehr Gelegenheiten, um zu neiden, weil dort großteils auch noch beschönigt wird. Auf Instagram sieht man ja nicht das realistische Abbild des Lebens der jeweiligen Person. Dort wird nur die Schokoladenseite präsentiert und selbst diese ist oft noch nachbearbeitet und verzerrt. Dadurch läuft man natürlich Gefahr, dass einem der eigene Alltag zu normal vorkommt und man andere um ihr tolles Leben beneidet. Dieser Neid kann sich dann auch negativ auswirken, jedoch vor allem auf den Neider selbst und selten auf den Beneideten.

Neid kann auch ein toller Kompass dafür sein, was man selbst gerne möchte.

Cool: Also ist Neid doch eher etwas Negatives?

Katja Corcoran: Das kann man so pauschal nicht sagen. Ich werde oft gefragt, ob es denn nicht besser wäre, wenn es auf der Welt keinen Neid mehr gäbe. Abgesehen davon, dass ich die Frage müßig finde, weil uns das nie gelingen wird: Wir Menschen sind soziale Wesen. Status ist in Gruppen eine wichtige Information und ich glaube, dass wir negative Gefühle als Impulse dringend brauchen. Wenn immer alle mit allem zufrieden wären, dann würde nicht mehr viel passieren, denn es gäbe ja dann keine Motivation mehr, um etwas zu verändern.

Cool: Hat Neid eigentlich immer mit der eigenen Unzufriedenheit zu tun?

Katja Corcoran: Es kann schon sein, dass man die Familie oder Personen miteinbezieht, die mit dem eigenen Selbst sehr verbunden sind. Grundsätzlich ist Neid aber eine Emotion, die eher ausgelöst wird, weil man selbst gerne etwas hätte, das ein anderer hat.

Cool: Spielt Ungerechtigkeit eigentlich auch eine Rolle?

Katja Corcoran: Auch das kann natürlich zum Neidgefühl beitragen. Ungerechtfertige Erfolge führen jedoch eher zu Entrüstung als zu Neid, aber es macht schon einen Unterschied, ob man denkt, der andere hätte den Erfolg verdient. Wenn man den Eindruck hat, dass jemand ohne Leistung etwas erreicht hat, beispielsweise mit einem simplen Video auf YouTube viel Geld verdient, dann missgönnt man das eher als bei einem Spitzensportler, dessen Erfolge man viel eher respektiert. Das Ganze ist sehr komplex und auch nicht immer eindimensional. Man kann auch gemischte Gefühle haben, wenn man jemanden etwas zwar nicht hundertprozentig gönnt, sich im selben Augenblick aber trotzdem für den anderen freut.

Cool: Wie ist das, wenn mich das materielle Objekt oder der Erfolg selbst gar nicht interessiert?

Katja Corcoran: Dann kann man sich einfach mitfreuen. Neid kann übrigens auch ein toller Kompass dafür sein, was man selbst gerne möchte. Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten, es stehen einem alle Türen offen und deshalb fällt es den Menschen immer schwerer, für sich herauszufinden, was man möchte. Wenn man aber merkt, dass es einen in denselben Situationen immer wieder einen Stich gibt, dann kann man aus Neidgefühlen auch sehr viel über einen selbst lernen.

Cool: Tragen wir den Neid eigentlich in uns oder erlernen wir das Neiden erst? Gibt es Neid auch unter Babys?

Katja Corcoran: Das hängt mit der kognitiven Entwicklung zusammen, denn wie wir schon gesagt haben, hat Neid einen klaren Selbstbezug. Babys und Kleinkinder haben jedoch noch kein Selbstverständnis, das kommt erst mit rund zwei Jahren. Also erst dann verstehen sie, dass sie ein Ich haben, ein Selbst sind und etwas anderes sind als ihre Umgebung. Für eine komplexe Emotion wie Neid braucht es jedoch noch mehr, denn man muss auch den sozialen Vergleich durchführen können und das ist noch anspruchsvoller.

Cool: Das ist ja alles ganz schön kompliziert (lacht).

Katja Corcoran: Man könnte sich auf jeden Fall stundenlang darüber unterhalten, aber ich denke, es reicht aus, wenn man einfach ab und zu darüber nachdenkt und versucht, für sich eine gewisse Balance zu finden. Nur missgönnen sollte man wirklich niemandem etwas.

© Oliver Wolf

Das ist „Tabulos“
Massenhaft Geschenke, Markenklamotten, Designerhandtaschen und und und. Das Christkind war wieder brav und natürlich wurde in den sozialen Medien geprahlt was das Zeug hält. Da entsteht natürlich auch Neid. Speziell Instagram fördert doch irgendwie das Neidbewusstsein, dachte ich mir während der Weihnachtsfeiertage. Neid auf den Traumurlaub, den Sixpack, die Weihnachtsgeschenke oder was weiß ich. Neidgesellschaft liest man auch immer häufiger. Also kam mir die Idee, ein Tabulos-Interview zu dem Thema zu machen. Mein Kumpel Dave hat an der KF Uni Graz Psychologie studiert und hat mir deshalb seine Ex-Professorin empfohlen. So entstand dieses wirklich spannende Interview, das zeigt wie unterschiedlich man Neid interpretieren kann. (Daniel Gräbner)