© Severin Schweiger Fotografie

Stefan Verra: „Körpersprache muss man nicht lernen, nur zulassen“

Körpersprache-Experte Stefan Verra war im Mai in Graz zu Besuch. Wir haben diese Gelegenheit genützt, um mit ihm darüber zu reden, was unsere Gesichtsmimik und Körperhaltung über uns aussagt.

Körpersprache-Experte Stefan Verra war im Mai in Graz zu Besuch. Wir haben diese Gelegenheit genützt, um mit ihm darüber zu reden, was unsere Gesichtsmimik und Körperhaltung über uns aussagt.

 

Cool: Ich bin vor Interviews nach wie vor ein wenig nervös. Ist dir das anhand meiner Körpersprache sofort aufgefallen?

Stefan Verra: Ich kann jetzt nicht sagen, ob es wegen des Interviews ist, aber du bist sehr hochfrequent. Das bedeutet, dass man schnelle kleine Bewegungen macht und schneller redet. Ich kann aber nicht beurteilen, ob du zeitlichen Stress hast oder immer so bist. Das ist ähnlich wie ein junger Mensch vor dem ersten Date, der fünf Mal in einer Minute auf sein Handy schaut. Das ist ein Signal dafür, dass im Körper mehr Energie drinnen ist, als im Moment gebraucht wird. Adrenalin wird ausgeschüttet, überhaupt passiert da hormonell sehr viel. Was die Leute nicht wissen, ist, dass das eigentlich ein schönes Signal ist. Es zeigt nämlich, dass du deinem Gegenüber nicht wurscht bist.

Cool: Also ist das eigentlich etwas Positives?

Stefan: Ich sage immer: Wer vor dem ersten Date nicht nervös ist, für den war es kein Date, sondern ein Meeting. Wenn du jetzt lasch da sitzen und mit stoischer Mime mit mir reden würdest, würdest du vielleicht cooler rüberkommen, aber wahnsinnig respektlos. Was ich euren jungen Lesern deshalb unbedingt mitgeben möchte: Egal ob beim Vorstellungsgespräch, ersten Date oder in der Schule, kämpft nicht gegen eure Nervosität an, sondern lasst sie zu, weil sie in den allermeisten Fällen gut ankommt.

Cool: Achtest du immer besonders auf die Körpersprache der anderen?

Stefan: Das ist ein völliger Irrglaube, dass Körpersprachen-Experten alles und jeden analysieren. Wie räumt der seinen Koffer aus? Die Frau dort hält ihre Zigarette mit der linken Hand. Da würde ich ja wahnsinnig werden. Ein Tischler denkt sich auch nicht bei jedem Baum, was er daraus schreinern könnte (lacht). Wenn man mich fragt, dann mache ich mir darüber Gedanken, aber ansonsten laufe ich ganz normal durchs Leben, wie jeder andere auch.

Cool: Es gibt zum Teil ja riesige Unterschiede, manche haben sehr viel Mimik, manche gestikulieren wild, manche zeigen kaum eine Regung. Woher kommt das?

Stefan: Ein Großteil ist vorgeburtlich festgelegt, das ist das sogenannte Temperament. Wenn ihr eine zurückgenommene Person wie Angela Merkel seid, werdet ihr nie wild herumfuchteln und umgekehrt macht es keinen Sinn einen lebhaften Italiener dazu zu zwingen, nicht mehr zu gestikulieren. Es ist ganz wichtig, dass ihr das an euch selbst und auch an anderen akzeptiert, denn wir können uns alle nur innerhalb unseres Temperaments verändern. Jeder von uns steht auf seiner Lebensbühne und hat dort sein Publikum. Wenn man immer nur schaut, was die anderen tun und wie sich die anderen verhalten, dann verliert man sein eigenes Publikum und das der anderen kriegt man sowieso nicht. Fragwürdig finde ich auch immer, wenn jemand sehr viel an seiner Beziehung arbeiten muss. Natürlich muss man sich bei gewissen Dingen zusammenreden, aber wenn man so viel arbeiten muss, weil man nicht so sein kann wie man ist, dann ist man nicht füreinander gemeint. Mein Partner muss mein Publikum sein und ich seines. Warum musst du immer so laut lachen? Sei nicht so hektisch! Könnte ich schon, aber dann wäre es nicht mehr ich. Wenn man sich vor seinem Partner immer zusammenreißen muss, dann ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt.

Cool: Wie und wann erlernt man Körpersprache?

Stefan: Das Gute an der Körpersprache ist, dass wir sie nicht lernen müssen. Wir kommen auf die Welt und noch bevor wir die ersten Worte sprechen können, lernen wir uns mit unserem Körper mitzuteilen. Wir strampeln, wir verziehen das Gesicht, wir schreien. Babys haben ein unglaublich ausdrucksstarkes Gesicht, man kann ihnen förmlich alles von den Augen ablesen. Sie haben die beste Körpersprache, weil sie völlig ungehemmt ist. Den Rest lernen wir von unserer Umgebung. Wenn ein italienisches Baby schon im Gitterbett von der fuchtelnden Verwandtschaft getätschelt wird, dann nimmt das Baby das an. Ein ganz wichtiger Appell: Behaltet euch das bei! Wenn eure Lehrerin sagt, ihr sollt beim Referat stillstehen, dann macht das von mir aus für die zehn Minuten, um der guten Note Willen. Aber lasst euch euer Temperament bitte von niemandem ausreden oder abgewöhnen, denn es ist schade wenn junge Menschen ihre eigene Körpersprache verlernen…

Es geht nicht darum Körpersprache zu erlernen, sondern sie vom Kindes- ins Erwachsenenalter mitzunehmen.

Cool: Wie meinst du das?

Stefan: Die größte Veränderung passiert genau bei euren Lesern, nämlich in der Pubertät. Man hat plötzlich die Möglichkeit sich fortzupflanzen. Im Neandertal vor 30.000 Jahren musste der junge Mann der jungen Frau signalisieren können, dass sie sich auch in der brenzligsten Situation auf ihn verlassen und ihn nichts mehr überraschen kann. Wenn du einem kleinen Kind eine rote Lokomotive zeigst, sagt es ‚Huch, eine ROTE LOKOMOTIVE‘, aber der Fünfzehnjährige sagt ‚Ja und?‘. Junge Menschen verlieren ihre Begeisterungsfähigkeit, denn Begeisterung würde ja signalisieren, dass man etwas noch nicht kennt. Date? Kenn ich schon. Küssen? Kenn ich schon. Es werden Regeln gebrochen. Rote Ampel? Kenn ich schon. Das war aber damals wichtig, weil die junge Neandertalerin den genommen hat, der bei jeder Situation cool geblieben ist und nicht den, der vor einer Spinne Angst hat. Die große Gefahr ist nur, dass junge Männer in der Pubertät ihre Emotionen so sehr unterdrücken, dass sie auch später keine Freude und Begeisterung mehr ausdrücken können. Es geht nicht darum Körpersprache zu erlernen, sondern sie vom Kindes- ins Erwachsenenalter mitzunehmen. Schon Nietzsche hat gesagt: Man muss seine Jugend überwinden, um wieder Kind sein zu können.

Cool: Allerdings will man die Neandertalerin ja trotzdem in seine Höhle mitnehmen (lacht)…

Stefan: Man muss eben schauen, in den richtigen Situationen die richtige Körpersprache zuzulassen. Ein Feuerwehrmann muss bei einem Brand natürlich souverän reagieren, aber das heißt nicht, dass er sich nicht über das Weihnachtsgeschenk seiner Freundin freuen darf. Ganz viele Frauen kennen die Situation, wo sie dann denken, sie haben ihm etwas Falsches gekauft, weil er seine Freude nicht zeigt und dann ist die Neandertalerin auch schnell wieder fort (lacht).

Cool: Es gibt ja ein paar so „Körpersprachen-Klassiker“, also dass man beispielsweise in Gesprächen die Arme nicht verschränken soll. Stimmt das?

Stefan: Es gibt auf meinem YouTube-Kanal Videos, in denen ich das visuell erkläre, aber stellt euch einfach vor, euch sitzt jemand gegenüber, der zwar die Arme verschränkt hat, aber lächelt und am Gespräch Interesse zeigt. Käme euch das negativ vor? Nein. Ein einzelnes Signal hat in der Körpersprache nie eine Bedeutung, es kommt immer auf den gesamten Körper an. Leider nehmen viele nur einzelne Details wahr und wollen daran den ganzen Menschen analysieren und das ist falsch.

Cool: Außerdem denke ich bei Körpersprache immer auch an Manipulation…

Stefan: Zu Recht, aber wir manipulieren uns ohnehin alle ständig. Wenn du mir beim Interview jetzt strahlend gegenüber sitzt, du hast einen unglaublichen Augenkontakt und nickst die ganze Zeit, das animiert mich wiederum weiterzureden. Das heißt, auch wenn ich hier der Experte bin, manipuliert deine Körpersprache gerade mich. Das Wort Manipulation hat bloß ein negatives Image. Dazu zwei Sachen: 1. Niemand wird dich mit Körpersprache zu etwas manipulieren können, das du nicht ohnehin willst. 2. Ihr könntet damit so viel Positives bewirken. Strahlt selber Freude aus und animiert die anderen Menschen dazu, euch anzulächeln. Wenn ihr in der Früh die Kassiererin anlächelt, lächelt sie zurück und beim nächsten Kunden vielleicht auch und es gibt einen positiven Dominoeffekt. Ich denke nicht, dass so eine Manipulation etwas Schlechtes ist (lächelt).

Cool: Also mehr positive Vibes?

Stefan: Unbedingt. Bestes Beispiel: Wenn der Lehrer in die Klasse kommt und alle Schüler schauen ihn mit negativer Körpersprache an, dann schaltet er automatisch auf Verteidigung oder wenn der Mitarbeiter in der Firma immer so ein Gesicht zieht, dann muss der Chef fast sagen: Jetzt pass einmal auf, wegen mir bist du hier. Der geschickte Schüler oder Lehrling zeigt seinem Chef oder Lehrer Sympathie – und glaubt mir, er wird viel besser durch den Alltag kommen, als der grantige.

© Oliver Wolf

Das ist „Tabulos“
Zugegeben, es ist jetzt kein Tabuthema, aber dennoch ist Körpersprache etwas, über das meiner Meinung nach zu wenig gesprochen oder nachgedacht wird. Als ich von Hoanzl dann das Angebot bekam, ein Interview mit Stefan Verra zu führen, war ich sofort begeistert, da das Thema unheimlich spannend ist. Ich habe mit Stefan über eine Stunde lang geplaudert – vermutlich nur deshalb so lange, weil ich so viel genickt und so freundlich geschaut habe – und mir am Abend sogar noch sein aktuelles Programm im Grazer Orpheum angeschaut. Ich hoffe, einige von euch teilen meine Interesse und ich konnte euch für die Körpersprache und Stefan Verra begeistern. Aja, und meine verschränkten Arme sind nicht negativ 😉 (Daniel Gräbner)