© Florian Moshammer

Julian le Play: „Ich habe eine Firewall gegen Kitsch“

Mit „Tabacco“ hat Julian le Play kürzlich sein neues Album veröffentlicht. Zwölf Songs über Liebe, Emotionen und vieles mehr. Wir haben mit dem heimischen Popstar darüber geplaudert.

Mit „Tabacco“ hat Julian le Play kürzlich sein neues Album veröffentlicht. Zwölf Songs über Liebe, Emotionen und vieles mehr. Wir haben mit dem heimischen Popstar darüber geplaudert.

 

Cool: „Schlafwandler“ ist einer deiner schönsten Songs überhaupt. Was ist die Geschichte zu dem Lied?

Julian le Play: Ich freue mich wahnsinnig, dass er da ist und ich finde, er ist einer der komplexesten Songs, die ich je geschrieben habe. Prinzipiell war es so, dass ich in Berlin mit zwei Freunden gesessen bin und wir haben über luzide Träume gesprochen, wo man quasi in einem Traum die Kontrolle erlangt. Und dann hab ich gesagt: Ich würde gerne ein Lied übers Schlafwandeln schreiben, aber nicht über das wirkliche Schlafwandeln, sondern über Schlafwandeln als Metapher für Verlieben. Dass man einfach einem Menschen ausgeliefert ist, aber auf eine wunderschöne Art und Weise. Ich schrieb den Refrain, der dann zwei oder drei Jahre in der Schublade lag. Und irgendwann habe ich Dinge erlebt (zwinkert), die ihn mit Leben erfüllt haben. Das halte ich jetzt ein bisschen metaphorisch. Aber ich habe dann plötzlich gewusst, warum ich diesen Sachen geschrieben habe und plötzlich hat der Refrain Sinn gemacht und ich habe das Lied fertig geschrieben.

Cool: Du liebst es über die Liebe zu singen : Geht‘s in deinem Liebesleben wirklich so rund, weil es so viele Songs darüber gibt?

Julian: Es ist halt spannender als übers Zähneputzen, Duschen, Einkaufen, Autofahren oder übers Schuhebinden zu singen. Liebe ist die stärkste Kraft, die es gibt und die uns zum Menschen macht. In meinem Liebesleben geht es manchmal rund und manchmal nicht. Ich habe schon viel erlebt, aber ich bin auch ein sehr guter Zuhörer und Beobachter. Also ich spreche mit Menschen, mit meinen Freunden, mit Freundinnen. Manchmal, wenn ich selbst nichts zu erzählen habe, frage ich die Menschen, mit denen ich im Studio sitze: Was passiert bei dir gerade? So habe ich auch schon Songs geschrieben über Emotionen, die ich vielleicht selbst gar nicht kenne. Ich habe einmal einen Song aus der Sicht geschrieben, dass ich mich in meiner WG in jemanden verliebe, obwohl ich nie in einer WG gewohnt habe. Da habe ich einfach die Geschichte von einer Freundin verarbeitet.

Cool: Es gibt bestimmt auch Leute, die dich sehr schnulzig finden, aber meistens schaffst du es, nicht voll in den Kitsch abzudriften. Wie machst du das?

Julian: Danke, das ist lieb. Gerade im deutschsprachigen Raum ist die Grenze zwischen „emotional sein“ und Schlager sehr eng und man muss da sehr aufpassen. Ich glaube wirklich, dass man es einfach merkt, wenn jemand ein echtes Gefühl aufschreibt und nicht etwas konstruiert, um einen Hit zu machen. Ich nehme mir beim Songwriting extrem viel Zeit und gebe mich nie mit Kalendersprüche zufrieden. Mir fallen auch oft klischeehaftige Kitschdinge ein, aber die erkenne ich dann. Ich habe da so eine Art Firewall eingebaut und dann merke ich: Ups, nein, das ist kitschig (lacht).

Cool: Woodstock, Leuchtturm, Anker… du verwendet gerne Metaphern. Hast du für die Zukunft noch genug Vergleiche übrig, und gibt‘s vielleicht eine Metapher, die du gerne noch verwenden würdest?

Julian: Ja, das stimmt. Ich habe heute erst drüber nachgedacht. Ich bin jemand, der wahnsinnig gern in Metaphern denkt und schreibt. Ich denke gerne auch in Titeln. Das war bei „Woodstock“ so, bei „Mein Anker“, bei „Rollercoaster“, weil mir der Titel dann schon die Geschichte vorgibt. Das mache ich gerne. Es gibt noch einige Metaphern, aber die verrate ich nicht, nicht, dass mir da ein Mitleser eine wegnimmt (lacht). Ich hüte meine Metaphern so wie andere ihre Pokémon.

Cool: Was ist die Story hinter deinem neuen Album „Tabacco“?

Julian: Ich war gegen Ende der Coronazeit schon ziemlich platt und müde und hatte irgendwie total Lust, wieder was zu spüren, rauszugehen, was zu erleben, mich in die Nacht zu stürzen, Menschen kennenzulernen. Dann haben wir unsere Tour nachgeholt, haben richtig Gas gegeben und ich hatte immer mehr Lust auf Veränderung. Ich hab mir einen Bart wachsen lassen, mit Mode experimentiert und mich musikalisch gefragt: Julian, worauf hast du Lust? Also vergiss die letzten zehn Jahre. Was wäre, wenn ich jetzt bei Null anfangen würde; als Newcomer. Und in diesem neuen „Leben erleben“ sind mir dann nach und nach Songs zugeflogen. Alle in der Nacht. Gedanken, Wünsche und irgendwo auch Sehnsüchte nach diesen schönen Erlebnissen. Deswegen heißt das Album auch „Tabacco“.

Cool: Spielen TikTok, kurze Lieder, catchy Songpassagen irgendeine Rolle in deinem Kopf?

Julian: Also ich bin da zwiegespalten. Ich verbringe jetzt schon wahnsinnig viel Zeit am Handy. Viel zu viel. Ich bin ein Instagram-Suchtler und habe jetzt schon das Gefühl, dass mich mein Handy eigentlich eher unglücklich als glücklich macht. Ich persönlich will die Leute lieber mit meiner Livemusik erreichen und nicht mit TikTok. Ich will mich da nicht reinquetschen. Aber für Newcomer finde ich es schön, dass es zusätzliche Chancen gibt. Und es gibt ganz viele TikTok-Songs, die zu Recht Hits geworden sind. Ja, es ist alles kürzer und catchy, aber es gibt sicher auch bald wieder einen Gegentrend. Ich habe auch schon das Gefühl, die Kids heute hören auch schon gerne wieder handgemachte, ehrliche Musik, die nicht niederballert, sondern sich Zeit lässt.