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Anika Schicho: Judo als Lebensschule

Die 23-jährige Klosterneuburgerin Anika Schicho war eine der erfolgreichsten Judoka Österreichs. Wir haben mit ihr über Leistungssport, Genderklischees und vieles mehr geplaudert.

Die 23-jährige Klosterneuburgerin Anika Schicho war eine der erfolgreichsten Judoka Österreichs. Wir haben mit ihr über Leistungssport, Genderklischees und vieles mehr geplaudert.

 

Cool Mädchen: Du warst bis vor wenigen Jahren im Judosport aktiv. Wie bist du zu dem Sport gekommen?

Anika Schicho: Bei mir war das ganz zufällig. Im Sommer vor der 2. Klasse Volksschule durften mein Zwillingsbruder und ich uns eine Sportart aussuchen, die in der Schule angeboten wurde. Da stand Judo zur Auswahl, Basketball und eine weitere Sportart. Wir haben beschlossen, uns Judo mal anzuschauen, und dann habe ich mich ziemlich schnell in den Sport verliebt.

Cool Mädchen: Bis heute gilt Kampfsport als eher männlich. Hattest du mit Vorurteilen oder sogar Kritik zu kämpfen?

Anika: Sehr, sehr selten. Meine Familie und Freunde hatten sich immer gefreut, dass ich so viel Spaß an dem Sport hatte und waren auch stolz, wenn ich einen Wettkampf gewann. Es ging nie darum, wieso ich als Mädchen so einen männlich dominierten Sport ausüben wollte. In meinem Umfeld fanden es alle immer cool, dass ich Judo mache. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemand mal gefragt hätte, wieso ich als Mädel Judo mache. Das war zum Glück nie ein Thema. Wenn, dann wurde ich eher gefragt, ob das nicht voll weh tut oder gefährlich ist. Und das kann ich auch voll verstehen, denn von außen schaut der Sport schon brutal aus (lacht).

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Cool Mädchen: Was rätst du heute jungen Mädels, die trotzdem Angst haben, dass Kampfsport sie „weniger feminin“ wirken lässt?

Anika: Ich habe immer erlebt, dass es supercool ist, als Mädel zu einer neuen Sportart dazuzukommen. Die meisten Burschen sind superlieb und die paar wenigen Mädels freuen sich auch über die weibliche Unterstützung. Bei den Burschen musste ich mich auch niemals beweisen. Weiblichkeit hat für mich nichts mit Kraftsport zu tun. Ich wollte einfach machen, was mir Spaß macht und hab mir nie wirklich Gedanken um die Geschlechterrollen gemacht. Im Sport ist das wirklich kein Thema, hier wird jeder freudig aufgenommen und jeder findet seinen Platz. Es ist einfach superschön, Leute kennenzulernen, die den gleichen Enthusiasmus für die Sportart und den gleichen Spaß daran haben. Da ist es egal, ob du ein Mädel bist oder ein Bursch.

Cool Mädchen: Vor Wettkämpfen entscheidet dieWaage, in welcher Gewichtsklasse man antritt. Wie hat sich das als Mädchen auf dein Körperbild ausgewirkt?

Anika: Die Gewichtseinteilung im Judo ist ein Punkt, der sehr oft diskutiert und kritisiert wird. Das Thema geht rauf bis zur weltweiten Internationalen Judo-Föderation. Man will dieses extreme „Gewicht machen“, wie der strenge Test um die Gewichtsklasse heißt, möglichst minimieren. Ich muss sagen, für mich war das ein sehr großes, sehr schwieriges Thema, das sicher meine Selbstwahrnehmung zu meinem Körper geprägt hat. Du hast da immer das Gefühl, du bist zu schwer, irgendwas passt nicht ganz an dir. Es war auch vor den Wettkämpfen ein ordentlicher psychischer Stress, dass du genau am Tag X um XX:XX Uhrzeit genau dieses Gewicht brauchst. Und wenn du dieses Gewicht nicht hast, kannst du nicht kämpfen, dann ist es vorbei. Das war definitiv schwierig für mich und ich würde es heute auf keinen Fall mehr so machen. Ich war damals aber jung und hab meinen erfahrenen Trainern vertraut… jetzt bin ich froh, dass ich gut rausgekommen bin und mittlerweile wieder normal essen kann. Ich fühle mich jetzt wohl, so wie ich bin.

Cool Mädchen: Auf welche Auszeichnung oder Teilnahme an einem Event bist du besonders stolz?

Anika: Worauf ich besonders stolz bin, ist mein Vize-Europameistertitel 2019 in Warschau als U18-Judoka. Eine Medaille bei einer Europameisterschaft zu gewinnen, ist schon sehr cool. Sonst bin ich auch stolz auf meine Teilnahme bei den Europäischen Jugend-Olympiaspielen, wo ich als Fahnenträgerin bei der Eröffnung dabei sein durfte. Ah, und dass ich die jüngste Doppel-Staatsmeisterin war, die es im Judosport jemals in Österreich gab. Ich hab mit etwa 15 Jahren meinen ersten Staatsmeister-Titel erkämpft in der allgemeinen Klasse, also mit den Erwachsenen. Und ein Jahr danach konnte ich meinen Titel verteidigen.

Cool Mädchen: Hat deine erfolgreiche Sportkarriere dir im späteren Leben geholfen?

Anika: Definitiv. Gar nicht unbedingt, dass ich so erfolgreich war, sondern diese Disziplin, die man lernt. Man steckt die gesamte Energie rein, um seine Ziele zu erreichen. Das zeigt dir, wie viel du eigentlich schaffen kannst! Ich war im Leistungssport-Internat von Sonntagabend bis Freitagabend. Jedes zweite Wochenende hatte ich Trainingslager und Turniere. Ich war teilweise ein Monat am Stück nicht zu Hause. Da musst du dir schon überlegen, wie du das hinbekommst. Dazwischen musst du Wäsche waschen, Taschen aus- und einpacken, und dazu auch noch „Gewicht machen“. Du musst deine versäumten Schularbeiten und Tests mit deinen Lehrern koordinieren und nachholen, und, und, und. Judo war für mich wie eine Lebensschule.