#hässlich, #opfer, #fettekuh – bissige Kommentare im Netz verletzen sehr, machen runter und nagen am Selbstwertgefühl. Cybermobbing und Bodyshaming hinterlassen Spuren – auf der Seele und im Kopf. Das ist nicht okay und sogar strafbar! Wir haben für dich mit Expertin Birgit Hofstadler vom JA.M Mädchenzentrum des Vereins mafalda gesprochen.
Cool Mädchen: Was genau ist Cybermobbing überhaupt?
Birgit Hofstadler: Cybermobbing sind bewusst beleidigende, verletzende und abwertende Äußerungen, Kommentare, Fotos oder Videos, die im digitalen Raum – also im Internet, auf Social-Media-Plattformen oder Handy-Apps – verbreitet werden. Es sind wiederholte Angriffe gegen jemanden, die von einem Einzelnen oder einer Gruppe durchgeführt werden. In Österreich ist das sogar strafbar.
Cool Mädchen: Gehört da auch Bodyshaming im Netz dazu?
Birgit Hofstadler: Ja! Bodyshaming bedeutet, dass jemand abwertende, beleidigende oder verletzende Dinge über deinen Körper sagt. Es handelt sich oft um Kommentare in Zusammenhang mit dem Körpergewicht und es kann für dich sehr schlimm sein.
Cool Mädchen: Den Druck, perfekt auszusehen kennen so viele Mädchen – vor allem wegen TikTok & Co…
Birgit Hofstadler: Leider wird vor allem Mädchen immer noch eingeredet, dass sie einem Schönheitsideal entsprechen müssen, das mit dem echten Leben absolut nichts zu tun hat und vielfach künstlich (durch Beauty-Filter, Bildbearbeitungsprogramme oder digitale Video-Tricks) erzeugt wird. Social Media verbreitet das dann millionenfach in alle Welt und gibt Mädchen das Gefühl, dass sie nicht in Ordnung sind, wie sie sind. Das Schlimme ist: Auch, wenn die meisten von uns ganz genau wissen, dass die Bilder im Internet unecht sind und großen Schaden im Selbstbewusstsein anrichten, möchten sie trotzdem gerne so aussehen wie ihre digitalen Vorbilder.
Cool Mädchen: Warum passiert es so oft online, dass jemand runtergemacht wird?
Birgit Hofstadler: Weil man dort als Angreifer anonym bleiben kann und es viel leichter ist, jemanden zu beleidigen, wenn man der Person nicht im echten Leben gegenübersteht. Es handelt sich also um eine besonders feige und unfaire Attacke gegen andere Menschen.
Cool Mädchen: Das ist total mies…
Birgit Hofstadler: Sehr, denn solche Aussagen bleiben in unserem Gedächtnis hängen und kommen vor allem dann zum Vorschein, wenn es uns gerade nicht so gut geht. Dann richten sie weiteren Schaden an, erzeugen Minderwertigkeitsgefühle, Selbsthass und das Gefühl, nicht in Ordnung zu sein. Darum sollte man niemals kränkende Aussagen gegen eine andere Person machen – auch dann nicht, wenn man sich gut kennt oder es eigentlich gar nicht so meint.
Cool Mädchen: Man hört aber trotzdem viele sagen: „Das ist doch nur als Spaß gemeint“, aber ist das wirklich so harmlos?
Birgit Hofstadler: Wir lassen andere Menschen oft gar nicht merken, wenn uns etwas verletzt, das gesagt wird. Wir tun dann so, als würden wir es selber lustig finden, und die andere Person hat das Gefühl, sie habe nichts falsch gemacht und macht deshalb immer weiter.
Cool Mädchen: Wenn uns Leute im Internet beleidigen, verletzt das häufig noch viel mehr als im echten Leben. Warum ist das so?
Birgit Hofstadler: Wenn dich im echten Leben eine Person mit einer Aussage verletzt, dann hast du die Möglichkeit, dich sofort zu wehren und der anderen Person zu sagen, dass das nicht ok war. Wenn es aber im Internet passiert, kann es sein, dass viele andere mitlesen, weil es vielleicht in einem Gruppenchat steht oder weitergeschickt wird. Dann bleibt die Beleidigung viel länger sichtbar, und andere fühlen sich vielleicht eingeladen, beim Mobbing mitzumachen. Die Verletzung wird immer größer und die betroffene Person hat das Gefühl, alle sind gegen sie. Sie schämt sich und fühlt sich hilflos.
Cool Mädchen: Was passiert mit dem Selbstbewusstsein, wenn man ständig blöd angemacht wird? Welche Folgen können Cybermobbing & Bodyshaming dann haben?
Birgit Hofstadler: Wenn du ständig beschämende Aussagen hörst, dann wird die Gefahr größer, dass du anfängst, dich selbst in Frage zu stellen. Obwohl du ganz tief in dir weißt, dass das alles nicht wahr ist, findest du plötzlich Fehler an dir, die in Wirklichkeit gar nicht existieren. Dein Selbstbewusstsein gerät in eine Abwärtsspirale – du siehst nur noch negative Dinge und fragst dich, ob die anderen vielleicht recht haben. Echtes Lob oder Komplimente lässt du gar nicht mehr zu. Das ist vor allem für Jugendliche, die gerade erst dabei sind, herauszufinden, wer sie sind, eine enorme Gefahr.
Cool Mädchen: Wie kann ich lernen, meinen Körper zu mögen, auch wenn er anders aussieht als der von Influencerinnen?
Birgit Hofstadler: Versuche, den Influencerinnen, die dir das Gefühl geben, dass dein Körper nicht in Ordnung ist, nicht mehr zu folgen. Je weniger du mit ihnen zu tun hast, desto weniger Macht bekommen sie über dich. Informiere dich stattdessen über Personen oder Kampagnen, die sich im Netz gegen krankmachende Schönheitsideale stark machen. Sprich mit Freunden darüber, wie unrealistisch die Körperbilder sind, die euch im Internet als „schön“ vorgehalten werden.
Cool Mädchen: Von Bodyshaming zu Bodylove, also?
Birgit Hofstadler: Yes! Selbstliebe braucht aber manchmal ein bisschen Übung. Was gefällt DIR an deinem Körper denn am besten? Mach dir selbst ein ehrliches Kompliment, ohne gleich einen negativen Gedanken nachzuschicken. Wenn es dir nicht gelingt, probiere es einfach am nächsten Tag noch einmal. Frag vielleicht deine besten Freundinnen, was sie an dir schön finden und mögen. Schreibe es auf einen Zettel und häng ihn irgendwohin, wo du ihn jeden Tag sehen kannst.
Cool Mädchen: Das klingt gar nicht so einfach, Bodyshaming nicht so nah an sich heranzulassen…
Birgit Hofstadler: Wenn du das Gefühl hast, du kommst aus den negativen Gedanken über deinen Körper und dein Aussehen gar nicht mehr heraus, suche dir Unterstützung! Sprich mit einer Vertrauensperson darüber oder wende dich an eine Beratungsstelle – dort hören dir Experten zu und helfen dir, zu einem positiven, gesunden Selbstbild zurückzufinden.
Cool Mädchen: Was kann denn sonst passieren, wenn man zu lange mit sich selbst hadert?
Birgit Hofstadler: Im schlimmsten Fall leidet die Psyche so stark, dass sie krank wird. Die betroffenen Personen ziehen sich immer mehr zurück, reden wenig und verlieren die Freude am Leben. Sie geben sich selbst die Schuld an ihrem schlechten Zustand und trauen sich nicht, Hilfe zu holen. Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen können die Folge sein.
Cool Mädchen: Was mache, wenn ich von Bodyshaming betroffen bin und online deshalb gemobbt werde?
Birgit Hofstadler: Es ist ganz wichtig, so früh wie möglich Unterstützung zu holen. Es gibt viele Auswege und Möglichkeiten aus so einer schwierigen Situation – du bist nicht allein, und du musst das Problem auch nicht allein lösen!
Cool Mädchen: Viele trauen sich aber nicht, jemanden um Hilfe zu bitten…
Birgit Hofstadler: Ich weiß, und der erste Schritt zu Hilfe und Unterstützung ist meistens der, der sich am schwersten anfühlt. Viele Beratungsstellen bieten daher ganz unterschiedliche Möglichkeiten an, um in Kontakt zu kommen. Wenn ein Anruf wie eine unüberwindbare Hürde scheint, klappt es vielleicht mit einer E-Mail, einer WhatsApp-Nachricht oder einem Online-Chat. Du kannst auch anonym bleiben, wenn du möchtest. Finde heraus, was für dich am besten funktioniert, und gib nicht auf! Manchmal ist es hilfreich, sich vorzustellen, dass die beste Freundin oder der beste Freund in der gleichen Lage ist und sich einfach nicht traut, Hilfe zu holen. Was würdest DU ihm oder ihr raten? Vielleicht hast du ja auch einen Freund oder eine Freundin, der/die dich dabei unterstützen kann!
Cool Mädchen: Manchen Jugendlichen ist die Situation auch total peinlich.
Birgit Hofstadler: Das Wichtigste ist: Schäme dich nicht! Jemand hat dich verletzt und dir Unrecht angetan. Das ist niemals in Ordnung, und du bist auch nie selbst schuld daran. Der Schock und die Scham, wenn einem so etwas passiert, sind vor allem am Beginn groß. Wenn du feststellst, dass dich eine Person oder eine Gruppe angreift, mach das Problem nicht mit dir alleine aus. Vertraue dich rasch jemandem an und hole dir Hilfe.
Cool Mädchen: Was kann mein erster Step sein?
Birgit Hofstadler: Wenn du am Beginn nicht mit einer Person reden willst, die du kennst, suche dir Unterstützung von einer Fachstelle wie z.B. Rat auf Draht. Dort kannst du dein Anliegen auch anonym erzählen und dir erste Informationen holen, was als nächstes zu tun ist. Auch der Verein mafalda bietet Beratungen zu diesem Thema an – du kannst dir einfach einen Termin ausmachen und mit einer Expertin unter vier Augen in Ruhe über alles reden, was dir da gerade passiert. Wichtig ist: Warte nicht zu lange ab! Und vergiss nicht: Du bist nicht allein.
Cool Mädchen: Was kann ich wiederum tun, wenn ich bemerke, dass jemand in meiner Klasse online gemobbt wird?
Birgit Hofstadler: Unsere Welt braucht mutige Menschen, die sich trauen, gegen Ungerechtigkeiten aufzustehen. Wende dich an die betroffene Person und sag ihr, dass du das nicht in Ordnung findest, was ihr da gerade passiert. Zeig ihr, dass sie nicht alleine ist und dass du für sie da bist. Vielleicht findest du auch ein paar Verbündete, dann könntet ihr vielleicht gemeinsam in die Gruppe schreiben, dass das, was hier passiert, nicht in Ordnung ist. Und holt euch rasch Hilfe von Erwachsenen, denen ihr vertraut – das kann ein Lehrer/ eine Lehrerin, jemand von der Schulsozialarbeit oder eure Eltern sein. Auch Telefonhotlines wie Rat auf Draht sind hier eine sehr große Hilfe. Wichtig ist, nicht wegzuschauen und nicht zu schweigen, wenn jemandem ein Unrecht passiert!
Cool Mädchen: Sollte ich alles dokumentieren und Screenshots als Beweis machen?
Birgit Hofstadler: Die Sicherung von Beweisen ist vor allem dann wichtig, wenn es zu einer Anzeige kommt oder wenn die digitale Plattform die beleidigenden Äußerungen oder Fotos entfernen soll. Das Sichern von Beweisen hilft dir auch, wenn andere dir nicht glauben oder sagen, du hättest dir alles nur eingebildet oder falsch verstanden.
Cool Mädchen: Was möchtest du allen Mädchen mitgeben, die sich mit ihrem Aussehen schwertun oder online angegriffen wurden?
Birgit Hofstadler: Glaub an dich! Hol dir Unterstützung und sprich mit jemandem, dem du vertraust! Lass dich selber nicht alleine mit deinen Sorgen! Mach das, was du auch für deine beste Freundin tun würdest. Und vergiss nicht: DU bist wertvoll und wichtig, und du bist ganz genau richtig, so wie du bist!
Unsere Expertin
Birgit Hofstadler leitet das JA.M Mädchenzentrum des Vereins mafalda. Der Verein mafalda fördert und unterstützt Mädchen und junge Frauen zwischen 12 und 25 Jahren und ist für sie da – bei allen Themen, die betreffen, aufregen, beschäftigen oder interessieren. Ins Mädchenzentrum können Mädchen 4x pro Woche am Nachmittag kommen, um ihre Freizeit zu verbringen, Freundinnen zu treffen oder an Workshops und Aktivitäten teilzunehmen. Birgit Hofstadler arbeitet seit 15 Jahren dort und hat bisher sehr viel darüber erfahren, mit welchen Belastungen und Bedrohungen sich Mädchen in ihrem Alltag auseinandersetzen müssen – und dazu gehören leider auch die Themen Cybermobbing und Bodyshaming.
Einige wichtige Beratungs- und Anlaufstellen:
mafalda Beratungsstelle für Mädchen* und junge Frauen* (von 12 bis 25 Jahren): Termine können telefonisch unter 0316/337300-16
oder per Mail: beratung@mafalda.at (Öffnungszeiten auf der Webseite: www.mafalda.at) vereinbart werden!
Steirische Hilfetelefon bei Beziehungsproblemen und Beziehungsgewalt: Telefonisch unter 0800/204422 oder online www.frauenberatung-steiermark.at.
Kinder- und Jugendanwaltschaft: 0676/86660609 (Beratung) und 0676/8666 3131 (bei Mobbing).
Rat auf Draht: 147
Telefonseelsorge: 142
PsyNot Krisentelefon: 0800/449933
