© Tom Blanc

FAYAN: Unfiltered – Vom Schatten ins Licht

Den meisten ist Yannick Steffen besser bekannt als FAYAN. Er ist Singer-Songwriter und Rapper aus Deutschland, hatte mit „VERLIEBT IN MICH“ einen viralen Hit und war auch schon „Hot Artist of the Week“ von TikTok. Bevor im Oktober seine neue EP erscheint, haben wir FAYAN schon jetzt bei uns im großen COOL-Interview.

Den meisten ist Yannick Steffen besser bekannt als FAYAN. Er ist Singer-Songwriter und Rapper aus Deutschland, hatte mit „VERLIEBT IN MICH“ einen viralen Hit und war auch schon „Hot Artist of the Week“ von TikTok. Bevor im Oktober seine neue EP erscheint, haben wir FAYAN schon jetzt bei uns im großen COOL-Interview.

 

COOL: Wann hast du gemerkt, dass Musik für dich nicht nur ein Hobby ist, sondern das richtig fett werden kann?

FAYAN: Ich glaube, das war so im Sommer 2020. Da sind zwei Songs, die ich für andere Leute geschrieben habe, rausgekommen. Das war einmal ein Song von Luciano und Shirin David und einer von Elif. Und am gleichen Tag kam auch ein Song von mir selber raus, also quasi drei Releases an einem Tag. Der Song von Luciano und Shirin war, glaube ich, damals auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz direkt auf Platz 1 der Spotify-Charts. Da habe ich so das erste Mal gedacht: Ey, das, was ich die ganzen Jahre in meinem stillen Kämmerlein gemacht habe, könnte jetzt so langsam Früchte tragen.

COOL: Das war sicher ein mega Moment für dich! Viele andere würden sich wohl wünschen, Songs für solche Popstars zu schreiben.

FAYAN: Also es war auf jeden Fall ein langer Weg bis dahin! Ich habe schon viele Songs für andere Leute geschrieben, bekannte und weniger bekannte. Mit der Zeit baut man sich ein Netzwerk auf. Und dann kam es irgendwann dazu, dass ich eben auch mit diesen Leuten im Studio sein durfte.

COOL: Du warst auch mal Radiomoderator, oder?

FAYAN: Genau, ich bin volontierter, also gelernter Redakteur. Ich habe auch ein bisschen moderiert, aber habe es immer geliebt, zum Beispiel Moderationen für andere zu schreiben, Interviews vorzubereiten oder irgendwo für Reportagen hinzufahren. Das war quasi mein letzter Job, bevor ich dann selbstständig Musiker wurde. Ich muss ehrlich sagen: Ich liebe einfach das Radio! Generell so die klassischen Medien – ich liebe das und ich finde es voll wichtig, dass es das gibt, gerade in einer Welt, wo gefühlt alles nur noch am Handy stattfindet. Ich finde es schön, wenn da echte Menschen dahinterstecken.

COOL: Deine Karriere ist inzwischen komplett steil gegangen. Wie real fühlt sich das für dich an?

FAYAN: Was sich für mich auf jeden Fall sehr real angefühlt hat, war meine letzte und zugleich allererste eigene Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Aber da prallen das Surreale und das Reale auch aufeinander, weil all die Klicks im Internet kann man sich ja gar nicht vorstellen, aber wenn dann bei einem Konzert 500 Leute stehen, dann weiß man erstmal: „Ey, man erreicht gerade wirklich Menschen!“ Männer, Frauen, alles dazwischen und außerhalb, Kinder, Erwachsene, also von 6 bis 60 war irgendwie alles da. Und das finde ich so schön, dass meine Musik so etwas Vereinendes hat. Alles andere, sage ich ehrlich, ist sehr ungreifbar, das kann mein kleines Gehirn nicht so richtig greifen (lacht).

COOL: Was bringt dich in so Zeiten auch wieder runter?

FAYAN: Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar dafür, dass ich schon immer ein extrem gutes Verhältnis zu meiner Familie hatte, zu meinen Eltern und meiner großen Schwester, die auch meine Tourmanagerin ist. Obwohl ich mittlerweile in Berlin wohne und meine Eltern im Schwarzwald, also 700 Kilometer entfernt, bin ich trotzdem fast täglich mit ihnen im Austausch. Und: Ich habe seit Kindertagen den gleichen Freundeskreis. Für die bin ich auch Yannick und nicht FAYAN. Dieses soziale Umfeld zu haben, ist sehr, sehr viel wert und vermutlich auch der Grund dafür, dass ich nicht abhebe. Die wären die Ersten, die sagen würden: „Ey Junge, geil, was du gerade am Erreichen bist, aber chill ein bisschen auch.“

COOL: Was „nervt“ dich am meisten am Erfolg?

FAYAN: Ich glaube, ich war mir sehr bewusst darüber, was passieren kann und worauf ich mich einlasse. Dass es passieren kann, dass Leute meine Musik nicht so gut finden. Dass man online Gegenwind bekommt. Es ist jetzt auch schon öfter passiert, dass ich hier durch Berlin spaziert bin und Leute dann denken: „Ey, das ist doch FAYAN!“ Dann kommen die und sind natürlich nett und machen ein Foto, aber ich wollte gerade eigentlich nur einen Kaffee trinken gehen oder was essen. Das ist so ein Ding, dass einfach ein bisschen die Privatsphäre verloren geht. Außerdem versuche ich, sehr gesund zu leben. Ich trinke seit neun Jahren keinen Alkohol, bin seit fünf Jahren vegan, habe noch nie irgendwelche Drogen genommen, mache drei- bis viermal die Woche Sport. Ich versuche wirklich, einen gesundenLebensstil in dieser Musikindustrie zu pflegen, aber trotzdem ist mein Schlafrhythmus komplett crazy und das nervt am meisten. Wenn du irgendwie bis 2 Uhr nachts im Studio bist, aber am nächsten Morgen um 8 Uhr Sport und dann ein Interview mit dir, und dann habe ich kaum geschlafen und muss das alles so bewerkstelligen, dann nervt das schon und da würde ich eigentlich gerne noch gesünder leben. Aber ich will mich darüber gar nicht beschweren. Das macht mir ja alles mega, mega Spaß!

COOL: Du benutzt das Kürzel „VSIL“. Was bedeutet das?

FAYAN: Das steht für „Vom Schatten ins Licht“. Ich habe das auf meinem Arm tätowiert, genauso fast alle meine Jungs, meine Schwester und mittlerweile auch schon manche Fans. Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch mit meinem besten Freund Umut in meinem kleinen Kinderzimmer meine Lieder aufgenommen habe, hingen an der Wand eine schwarze und eine weiße Karte und da stand „Vom Schatten ins Licht“ drauf. Ich weiß gar nicht, warum ich das damals aufgehängt hatte (lacht). Umut meinte mal: „Ey, das wäre doch irgendwie ein cooler Gang- oder Crew-Name.“ Ich mochte einfach, wie das klingt. Keiner von uns hat reiche Eltern. Wir haben damals alle zur Miete gelebt. All meine Jungs sind eigentlich deutsch-türkischer, also migrantischer Abstammung. Ein bisschen ist es also dieses „von Nichts zu etwas“.

Es kann auch irgendwie nicht sein, dass Menschen eine goldene Schallplatte bekommen, aber eigentlich privatinsolvent sind.

COOL: Kommen wir zurück zur Musikbranche: Faire Bezahlung von Artists ist ja ein riesengroßes Thema. Was müsste sich da deiner Meinung nach ändern?

FAYAN: Ich glaube, es darf nicht die Realität sein, dass die, die tatsächlich die Kunst schaffen, am Ende die sind, die am wenigsten davon haben. Natürlich gehören immer Leute im Umfeld dazu, also Firmen, die es möglich machen, Musik zu konsumieren und so weiter. Und jeder will einen Teil vom Kuchen haben, aber wenn ich mir überlege: Ich glaube, für 1 Million Premium-Streams auf Spotify bekommt man 3.000 Euro. Das klingt vielleicht erstmal gar nicht so wenig, aber wenn man das runterrechnet, sind das für einen Play 0,3 Cent! In den 90ern hätte ich mir mit 50 Millionen Streams diverse Häuser kaufen und ganz gut leben können. Ich glaube, es muss sich auf jeden Fall dahingehend ändern, dass die Menschen, die die Songs schreiben, die die Songs produzieren, die die Songs dann auf der Bühne performen, dass die auf jeden Fall besser entlohnt werden. Bei mir hat das alles auch nur funktioniert, weil ich über so viele Jahre so eine große Masse an Songs aufbauen konnte. Mittlerweile sind über 250 Songs draußen, an denen ich beteiligt war. Mit so einer Masse kann man dann irgendwann auch mal seinen Kühlschrank voll machen und die Miete bezahlen. Aber gerade, wenn man neu in diese Industrie kommt, dann ist man selbstständig, dann hat man keine Ahnung von Steuern, dann kommt das Finanzamt. Und es kann auch irgendwie nicht sein, dass Menschen eine goldene Schallplatte bekommen, aber eigentlich privatinsolvent sind.

COOL: Worum geht‘s in deiner Single „VERSPRICH MIR“ und wie viel davon ist aus deinem tatsächlichen Leben?

FAYAN: Da ist, glaube ich, ganz viel aus meinem tatsächlichen Leben drin, so wie eigentlich in all meinen Songs. Gerade im letzten Jahr hat sich mit den Streams, Nominierungen und Auszeichnungen so viel getan, was natürlich mega, mega cool ist, aber das ist dann erst so richtig schön, wenn man Menschen in seinem Umfeld hat, mit denen man das teilen kann. Das ist mir auch wichtig. Wenn ich auf Tour diesen Song gesungen habe, dann singe ich den z.B. zum Publikum. „Versprich mir, dass du bei mir bleibst. Egal was kommt, ich hoffe, das bleibt für immer so, dass wir miteinander sind.“ Ich kann ihn aber genauso auch zu meinen Eltern singen oder eben zu den liebsten Menschen in meinem Leben. Das ist mir einfach wichtig gewesen bei diesem Song, weil, wie gesagt, „an der Spitze“ zu sein ist cool, aber wenn man da alleine ist, ist es nicht so cool.

COOL: Was ist für dich ein No-Go oder dein größter Turn-off bei anderen Menschen?

FAYAN: Am unerträglichsten ist für mich Ungerechtigkeit. Wenn Menschen ungerecht miteinander umgehen und man davon quasi Zeuge wird, dann kann ich das nicht aushalten. Abgesehen von typischen Dingen wie Unehrlichkeit und Illoyalität, packt mich Ungerechtigkeit nochmal ganz anders.

COOL: Viele junge Menschen schwärmen von der Liebe „wie damals“. Gleichzeitig sind Unverbindlichkeit, Halbherzigkeit, Selbstzweifel und Verlustängste riesengroße Themen. Was müsste sich da deiner Meinung nach ändern?

FAYAN: Das ist eine sehr schöne Frage! Ich glaube, dass jede Generation für sich irgendwie anders war und das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben. Aber ich bin immer ein Fan davon, sich zu entscheiden. Wenn ich die ganze Zeit nur in so einem „Eventuell-Vielleicht-Modus“ bin, dann gibt mir das Leben auch nur eventuell und vielleicht. Wenn ich Hals über Kopf verliebt bin und das jetzt irgendwie schon seit einiger Zeit in so einem Modus läuft, dann muss ich irgendwann auch mal eine Entscheidung treffen und sagen: „Ey, du bist es und wir beide gehen, wenn du Bock hast, bis zum Ende durch.“Aber das wird natürlich immer schwieriger, weil man immer mehr Optionen hat in dieser Welt. Jedes Mal, wenn ich auf TikTok so ein Ehepaar sehe, das so 60 Jahre verheiratet ist, kommen mir die Tränen, weil man sich ja vorstellen kann, wie viele Höhen und Tiefen die miteinander durchlebt haben. Für unsere Eltern und Großeltern war es wahrscheinlich noch absolut undenkbar, mal in die USA oder nach Australien zu fliegen, und für uns sind das ja Sachen, die wir theoretisch heute noch umsetzen könnten. Heißt: man hat immer dieses „Naja, ich könnte auch dahin, ich könnte auch das machen, was ist, wenn dort noch jemand ist, der noch besser zu mir passt.“ Gerade deshalb ist Entscheidungsfreudigkeit, glaube ich, was ganz Wichtiges. Das habe ich für mich selber auch gelernt. Ich habe ja ganz viele Jahre nur Songs für andere geschrieben und bei meiner eigenen Musik nicht Vollgas gegeben.

COOL: Wenn du an dein 14-jähriges Ich denkst: was würdest du ihm gerne mitgeben?

FAYAN: Ich würde sagen: „Hab Vertrauen und hör auf dein Herz!“ Das sind sehr pathetische Sätze eigentlich, aber es hat ja einen Grund, dass man die sich schon seit wahrscheinlich Jahrhunderten sagt. Ich glaube, man merkt immer relativ schnell so in der Herz-Bauch-Gegend, ob man gerade auf dem richtigen Weg ist. Ganz oft gibt es Sachen, die einem vielleicht ganz am Anfang einer Beziehung zwar auffallen, man aber darüber hinwegsieht, weil man die rosarote Brille aufhat. Irgendwann sind genau das die Sachen, weswegen sich Wege trennen. Deswegen auch: auf sich hören und in sich hineinhören und schauen, was einem das Herz versucht, gerade mitzuteilen. Bei mir war das mit der Musik so: Irgendwas in mir hat gesagt, ich muss das machen, und auch, wenn alle das um mich rum vielleicht nicht so toll fanden, habe ich gesagt: Egal was passiert, das ist dein Ding, bleib da dran, lass es nicht los.

COOL: Du hast schon angesprochen, dass du versucht, sehr gesund zu leben. Das passt eigentlich so gar nicht in das typische klischeehafte Rapper-Image. Ist das dein größter Vorteil?

FAYAN: Ich weiß gar nicht, ob ich Sänger oder Rapper bin. Manche sagen so, die anderen so. Ich bin mit allem voll cool. Ich habe, glaube ich, einfach über die Jahre gemerkt, dass mir mein Körper und meine Gesundheit wichtig sind, gerade weil wahrscheinlich jeder, der das gerade liest, irgendeine Person kennt, die vielleicht gesundheitlich nicht bei 100 % ist. Mit 13, 14 Jahren war mir auch noch alles egal und so muss es ja auch irgendwie sein, sag ich mal, aber irgendwann habe ich mich dazu entschieden, alles dafür zu tun, möglichst lange gesund zu sein. Da kam so ein Switch, wo ich gemerkt habe: Ey, dieses Alkohol-Ding, das macht keinen Sinn mehr. Beim Veganismus war es das Gleiche. Ich habe bei einem Cheeseburger damals gesagt: Das war die letzte Kuh, die für mich gestorben ist. Ich habe aber nie daran gedacht, dass Rapper eigentlich anders drauf sind und ich deshalb anders sein will. Ich glaube, jeder hat ja so ein paar Gegensätze in sich, und vielleicht ist das auch mein Gegensatz, dass ich eigentlich ein Rapper bin mit Gesichtstattoo und Goldzähnen, aber dann bin ich halt vegan und trinke keinen Alkohol und behandle alle Menschen mit Respekt.

COOL: Für alle, die dich nur aus der Öffentlichkeit kennen: was ist diese eine Sache, die man von dir privat überhaupt nicht erwarten würde?

FAYAN: Meine Musik ist ja schon sehr intensiv, fröhlich und treibt an, sage ich mal. Aber ich habe auch immer wieder meine ruhigen Momente, wo ich allein zu Hause auf der Couch sitze und mir Gedanken über die Welt mache. Dann sitze ich da mit Tränen in den Augen, weil ich nicht glauben kann, wie bösartig Menschen miteinander sein können. Ich weiß, das ist super, super plakativ gedacht, aber ich denke immer so: Wenn sich alle Menschen einfach lieb haben würden – und das wäre theoretisch sehr einfach – dann wäre alles gut. Aber wir bekriegen uns wegen Hautfarben, Religionen und so weiter. Das geht nicht in meinen Kopf rein. Ich habe auf jeden Fall immer wieder diese melancholischen, nachdenklichen Momente.