Self Love – zwei Wörter, die in den letzten Jahren immer präsenter geworden sind. Auch auf Social Media befassen sich immer mehr Influencerinnen mit diesem Thema. Dennoch sind auf Instagram und TikTok hauptsächlich Bilder von wunderschönen, perfekten Menschen zu sehen. Hat das einen Einfluss auf uns und unsere Selbstwahrnehmung? Wie können wir lernen, uns selbst mehr zu lieben? Diese Fragen und noch mehr haben wir Doris Klug, MSc. gestellt. Sie ist Klinische- und Gesundheitspsychologin, Sportpsychologin und Notfallpsychologin.
COOL Mädchen: Wirkt sich Social Media negativ auf die Selbstwahrnehmung von, vor allem jungen, Mädchen aus?
Doris Klug: Ich denke schon, dass Social Media, vor allem Instagram und TikTok, einen negativen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung haben können. Dort werden täglich viele Bilder und Videos gepostet, bei denen es ganz klar um das Aussehen geht. Der weibliche Körper steht auf Instagram und TikTok sehr oft im Fokus. Meistens sieht man dort aber nur vermeintlich „perfekte Körper“. Es wird sozusagen „vorgelebt“, wie ein Körper auszusehen hat, um perfekt zu sein. Das kann das eigene Selbstbild und die eigene Körperwahrnehmung natürlich auch stark beeinflussen, vor allem, wenn man selbst nicht so aussieht wie die Menschen auf den Bildern, oder gerade nicht ganz zufrieden mit sich selbst ist. Viele Menschen präsentieren sich auf Social Media nur von ihrer aller besten Seite. Sie zeigen nur die schönsten Bilder und die schönsten Seiten von sich. Da kann man leider schnell den Eindruck bekommen, dass man selbst vielleicht nicht gut genug oder nicht schön genug ist, wenn man anders aussieht, als die Mädchen und Frauen auf Social Media.
COOL Mädchen: Was hältst du von Filtern?
Doris Klug: Filter können leider dazu beitragen, dass man sich selbst nicht mehr so schön findet, oder denkt ohne Filter nicht perfekt zu sein. Viele Influencerinnen verwenden auch Filter und arbeiten mit unterschiedlichen Posen, um sich selbst bestmöglich zu präsentieren. Ich denke schon, dass viele Jugendliche erkennen, wenn auf Bildern Filter verwendet werden. Aber dennoch nehmen sich viele ein Beispiel an genau diesen Bildern. Dadurch kann die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen verfälscht werden.
COOL Mädchen: Welche Rolle spielen „Likes“ auf Social Media rund um die Selbstwahrnehmung und das Selbstwertgefühl?
Doris Klug: Likes sind eine Form der Bestätigung. Es ist, als würde im realen Leben deine beste Freundin sagen „Gut siehst du heute aus“ – nur eben virtuell. An sich sind Likes nichts Schlechtes. Aber wenn Fotos mit Filter mehr Likes bekommen als Bilder ohne Filter, kann sich das negativ auf die Selbstwahrnehmung auswirken. Man denkt, dass man nur mit Filter gut aussieht und bekommt durch die Likes die Bestätigung dafür. Das finde ich bedenklich.
COOL Mädchen: Während der Corona-Zeit waren Soziale Medien oft die einzige Möglichkeit mit Freunden in Kontakt zu bleiben oder in Kontakt zu treten. Hat sich Corona negativ auf die Selbstwahrnehmung ausgewirkt?
Doris Klug: Ganz bestimmt. Studien belegen auch, dass psychische Belastungen bei Jugendlichen während der Corona-Zeit stark zugenommen haben. Es gab leider auch eine enorme Zunahme an Essstörungen, vor allem bei jungen Mädchen. Durch die Einschränkungen konnten wir uns alle weniger bewegen. Einige haben aus Angst, dadurch zuzunehmen noch weniger gegessen und teilweise Essstörungen entwickelt. Wenn sie dann auf Social Media noch permanent vermeintlich perfekte Bilder bzw. perfekte Körper zu sehen bekommen, von Menschen, die trotz aller Einschränkungen super aussehen, verstärkt das die Angst vor dem Zunehmen zusätzlich.
COOL Mädchen: Sollte ich dann, um mich selbst mehr zu lieben/zu schützen am besten auf Social Media verzichten?
Doris Klug: Nein, man muss natürlich nicht komplett auf Social Media verzichten. Dadurch würde man ja auch wieder irgendwie eine „Außenseiterrolle“ einnehmen. Ich denke, dass es besonders wichtig ist, Social Media oder die Bilder und Videos auf Social Media nicht zu ernst zu nehmen. Es handelt sich dabei meistens um oberflächliche Inhalte ohne viel Kontext. Man muss sich bewusst machen, dass selbst die schönsten Menschen auf Instagram im realen Leben oft ganz anders aussehen, weil sie dort natürlich keinen Filter tragen können. Der Fokus sollte also meiner Meinung nach wieder mehr aufs reale Leben verlagert werden. Klar, kann ich mir da auch eine Tonne Make-up ins Gesicht klatschen, aber spätestens beim Sport verläuft auch das. Wer vom Sport perfektgestylte Bilder postet, war vermutlich auch nur zum „Foto-machen“ im Fitnessstudio und hat nicht richtig geschwitzt (lacht).
COOL Mädchen: Es gibt ja mittlerweile auch viele #bodypositivity-Influencerinnen. Das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung, oder?
Doris Klug: Es ist auf jeden Fall gut, dass Diversität und unterschiedliche Körperbilder auch in den Medien und auf Social Media immer präsenter werden. Bei „Germany‘s Next Topmodel“ geht‘s dieses Jahr auch um Diversität. Das ist meiner Meinung nach schon ein guter Ansatz, aber man merkt schon, dass es dennoch ums Geschäft und ums Verkaufen geht. Mir kommt vor, dass dann doch noch dasselbe Klischee erfüllt wird. Wenn‘s um Gewinn und Einschaltquoten geht, dann sollte man trotz gutem Ansatz kritisch bleiben. Das gilt nicht nur für Fernsehshows, sondern auch für Influencerinnen. Leider gibt‘s viele die aus dem Self-Love-Trend einfach nur Profit schlagen möchten. Da ist es wichtig, kritisch zu bleiben und sich selbst auch immer zu fragen „Ist das echt oder möchten die mir nur etwas verkaufen!“
COOL Mädchen: Nicht jeder hat das Glück, in seinem Umfeld von Frauen umgeben zu sein, die Self Love leben. Was würdest du Mädels raten, die mit ihrem Körper bzw. mit ihrer Körperwahrnehmung kämpfen?
Doris Klug: Es gibt sehr viele Angebote für junge Frauen. Im ersten Schritt muss das gar nicht mal eine Psychologin oder ein Psychologe sein. In Graz und auch in vielen weiteren österreichischen Städten gibt’s zum Beispiel das „Frauenservice“. Dort kann man mit Experten über seine Probleme und Anliegen sprechen. In Schulen gibt’s auch Vertrauenslehrer, die Jugendlichen helfen können. Wer‘s lieber anonymer hat, dem würde ich empfehlen, einfach mal bei „Rat auf Draht“ anzurufen. Der Austausch ist ganz wichtig. Vor allem, um mal im realen Leben zu hören: „Es ist gut, so wie du bist!“
Unser Fazit: Self Love ist ein Prozess. Man wacht nicht einfach auf und ist mit sich selbst voll und ganz zufrieden. Es wird gute Tage und weniger gute Tage geben – das ist okay. Aber im Endeffekt kommt es darauf an, dich zu schätzen, so wie du bist. Denn Self Love bedeutet nicht nur, dass du mit deinem Körper zufrieden bist und dich darin wohlfühlst. Self Love bedeutet vor allem, dass du so sein kannst, wie du bist, ohne dich verstellen zu müssen. Drei Tipps für mehr Self Love findest du übrigens hier. #loveyourself
